Bezirksärztekammer Rheinhessen
Fluglärm macht Menschen krank – Ärzte können das nicht hinnehmen!
17.04.2012 Ärztlicher Arbeitskreis fordert wirksamen Schutz der Bevölkerung

Mainz (mhe). Unsere Augen können wir schließen, unsere Ohren nicht. 24 Stunden am Tag sind unsere Ohren aktiv und nehmen vielfältige Geräusche auf. Erholsame Stille ist ein immer seltener zu genießender Luxus. Selbst nachts prasselt Lärm auf uns ein. Dabei ist Ruhe für den gesamten menschlichen Organismus unerlässlich. Denn Lärm kann erschreckende Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben. Lärm macht krank. Dies belegt eine neue Studie im Auftrag der WHO. Die Folgen unentwegten Lärms reichen von Gehörschäden, von Tinnitus über Schwerhörigkeit, bis hin zu Unwohlsein, höhere Allergierisiken, Migräne, Bluthochdruck, Konzentrations- und Schlafstörungen können die Folgen sein. Mediziner wissen, dauerhafter Lärm verursacht häufig Berufskrankheiten und zählt zu den größten Risiken für Herzerkrankungen.

Aus ärztlicher Sicht ist die jüngste Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtshofes, am größten deutschen Flughafen in Frankfurt ein dauerhaftes Nachtflugverbot zu verhängen, zu begrüßen. “Das Urteil bestätigt das Recht der Menschen auf Nachtruhe”, erklärt der Arbeitskreis „Ärzte gegen Fluglärm“ der Bezirksärztekammer Rheinhessen. Dieser begrüßt die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes.

“Allerdings reicht eine Kern-Nachtzeit von sechs Stunden nicht. Dies kann nur ein erster Schritt zu einer umfassenden Lösung zum Schutz der Menschen sein”, hebt der in der Bezirksärztekammer Rheinhessen gegründete Ärztliche Arbeitskreis hervor. “Flugrouten und Fluglärm sind nicht in erster Linie Verwaltungsfragen, sondern krankmachende Gefahren, vor denen die Bevölkerung wirksam geschützt werden muss”, betont zugleich Dr. med. Jürgen Hoffart, Vorsitzender der Bezirksärztekammer Rheinhessen. “Aus ärztlicher Sicht ist es nicht hinnehmbar, Menschen durch Fluglärm krank werden zu lassen und sie dann behandeln zu müssen, obwohl man sie vor diesen Gefahren schützen kann. Prävention muss Vorrang haben vor Therapie, Krankheiten müssen vermieden werden.”

Das Frankfurter und das bundesweite Fluglärmproblem bleiben aber letztlich bestehen, bemängelt der Arbeitskreis weiter. “Das Urteil betrachtet im Kern nur verwaltungsrechtliche Fragen. Ein medizinisch gebotener Lärmschutz wird damit nicht garantiert”, kritisieren die Ärzte.

Mit dem wichtigen Verbot von Nachtflügen wird eine erhebliche Ausweitung der Flugzahlen in Frankfurt am Tage erkauft, die ein Vielfaches des Lärms verursachen werden, weil mit dem Urteil das Planfeststellungsverfahren und damit die Flugzahlsteigerungen insgesamt anerkannt wurden. “Medizinisch betrachtet ist das Nachtflugverbot in Frankfurt ein klassisches Trojanisches Pferd, denn im Gefolge des Nachtflugverbotes schleicht sich fast unbemerkt die rechtssichere Betriebserlaubnis der Nordwest-Startbahn ein.”

Das Kernproblem für ganz Deutschland bleibe unverändert bestehen: die in Deutschland geltenden Fluglärm-„Schutzregelungen“ schützen nicht und bilden die medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse völlig unzureichend ab.

Konkret kritisieren die Ärzte ferner: “Die Lärmgrenzwerte im Fluglärmgesetz sind zu hoch, die Schutzzonen zu klein, und die Lärmberechnungsverfahren für die Flugroutenfestlegungen so angelegt, dass relevante Lärm-Störfaktoren „heraus gerechnet“ werden können. Die Wirtschaftlichkeit des Flugverkehrs habe offensichtlich Vorrang vor dem Schutz der Bevölkerung vor vermeidbaren Gesundheitsschädigungen.

Der Arbeitskreis „Ärzte gegen Fluglärm“ fordert einen wirksamen Schutz der Bevölkerung

vor Fluglärm und anderen schädlichen Wirkungen von Flugzeugemissionen. Hier ist die Politik gefordert. Sie muss auf dem Boden der wissenschaftlichen Erkenntnisse Flugverfahren so regeln, dass die Bevölkerung bundesweit tatsächlich umfassend geschützt wird. Dazu müssen vordringlich die Lärmgrenzwerte massiv nach unten korrigiert werden und die Schutzzonen so ausgedehnt werden, dass die gesamte Bevölkerung tatsächlich geschützt wird.

Die zuständigen Ministerien werden aufgefordert, hierzu adäquate Vorschläge vorzulegen, die einer objektiven wissenschaftlichen Bewertung standhalten. Der Arbeitskreis „Ärzte gegen Fluglärm“ will sich konstruktiv zum Schutz der Bevölkerung in die Diskussion einbringen.

Für den Arbeitskreis zeichnen u.a. verantwortlich:

- Dr. med. Jürgen Hoffart,
Bezirksärztekammer Rheinhessen

- Dr. med. Henning Thole,
Berlin, www.fluglaerm-fakten.de

- Prof. Dr. med. Thomas Muenzel,
Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz

- Dr. med. Ute Pohrt, Berlin
- Prof. Dr. Paul U. Unschuld,
M.P.H., Horst-Görtz-Stiftungsinstitut, Charité-
Universitätsmedizin, Berlin