Fluglärm ist keine Halluzination - Kölner Stadt-Anzeiger vom 06.05.10

Der Flugverkehr am Flughafen Köln/Bonn sorgte im studio dumont für eine kontroverse Debatte. Das Publikum forderte vor allem eine Kernruhezeit zwischen 24 Uhr bis fünf Uhr. Der Vertreter des Flughafens verwies auf die bislang erreichte Lärmreduzierung.

Köln KÖLN – Die Forderung aus dem Publikum kam gegen Ende der Diskussion, und sie wurde mit starkem Applaus bedacht: „Am Flughafen Köln / Bonn muss eine Kernruhezeit von 24 Uhr bis 5 Uhr eingeführt werden“, verlangte ein Zuhörer. Und wenn der Flugbetrieb nicht komplett ruhen könne, dann müssten in dieser Zeit zumindest die Passagiermaschinen am Boden bleiben, ergänzten andere Besucher. Derzeit starten und landen im Schnitt 88 Flugzeuge zwischen 22 Uhr und sechs Uhr in Köln / Bonn - mehr als 60 Prozent davon sind Frachtmaschinen, immerhin 36 Prozent Passagierflugzeuge. „Das donnert und dröhnt die ganze Nacht“, beschrieb ein Anwohner aus Alt-Brück seine Erfahrungen.

Es waren vor allem Bürger, die unter dem nächtlichen Fluglärm in der Region rund um den Airport leiden, die den Weg ins studio dumont gefunden hatten. Auf Einladung des „Kölner Stadt-Anzeiger“ und moderiert vom stellvertretenden Chefredakteur Lutz Feierabend diskutierten vier Experten untereinander und mit den rund 230 Zuhörern über die Frage „Macht Fluglärm krank?“ Sie debattierten kontrovers, engagiert, zeitweise sehr emotional.

Ja, Fluglärm kann krank machen, betonte Eberhard Greiser und stieß damit auf breite Zustimmung im Publikum. Der Epidemiologe hat seit 2006 drei Studien vorgelegt, in denen er unter anderem feststellt: Mit zunehmendem nächtlichen Fluglärm steigt das Risiko betroffener Menschen vor allem für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch für Depressionen.

Diese Untersuchungen seien „nach wissenschaftlichen Kriterien nicht belastbar“, hielt Carl Oliva vom Büro für soziologische Grundlagenforschung und Entwicklungsplanung aus Zürich dagegen. Er warf Greiser unter anderem vor, in seinen Studien andere mögliche Ursachen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht berücksichtigt zu haben und daher zu unvollständigen Datensammlungen gekommen zu sein. Das Publikum überzeugte der Soziologe nicht. Greiser erwiderte, er habe seine Studienergebnisse auf internationalen Kongressen vorgestellt und in renommierten Zeitschriften veröffentlicht.

Ein Großteil des Publikums tat sich schwer mit dem Methodenstreit der beiden Experten, und nicht jeden interessierte die Auseinandersetzung über Dezibel-Grenzwerte. „Wenn mein Kind nachts wach wird und fragt, was das für ein Krach ist, dann brauche ich keine Fluglärm-Studie“, brachte eine Mutter ihre Situation auf den Punkt. Eine Frau ergänzte: „Wir leiden nicht unter kollektiven nächtlichen Lärm-Halluzinationen.“

Martin Partsch, Leiter der Fluglärm-Messstelle am Airport Köln / Bonn, hatte angesichts dieser Stimmungslage einen schweren Stand. Er verwies unter anderem darauf, dass die Zahl der Nachtflüge von 1997 bis 2009 um fast 9000 gesunken sei, auch die Dauer- und Einzelschallpegel an den Messstellen seien „deutlich zurückgegangen“. Die Novellierung des Fluglärmgesetzes von 2007 mit strengeren Grenzwerten könne zudem zur Folge haben, „dass das eine oder andere Gebiet hinzukommt, in dem die Bewohner Anspruch auf passiven Schallschutz haben“.

Nach Ansicht von Helmut Breidenbach, Vorsitzender der Bundesvereinigung gegen Fluglärm, reicht das alles nicht aus: Er forderte ein Lärmminderungskonzept für den Flughafen und will die lautesten Flugzeuge aus der Nacht verbannen, „denn die bestimmen die Lärmwerte in der Nacht“. Die MD 11 zählt dazu, die für UPS und FedEx im Einsatz ist. Breidenbach misstraut der Ankündigung von FedEx, nach dem Umzug von Frankfurt nach Köln in diesem Jahr nur 20 zusätzliche Nachtflüge pro Woche zu starten. „Die haben hier eine riesige Halle gebaut“, so Breidenbach. „Das legt nahe, dass die hier mehr vorhaben.“

Flughafen-Chef Michael Garvens, der im Publikum saß, wies darauf hin, dass der Airport seit 1997 alle fünf Jahre belegen müsse, dass die Lärmbelastung im Umfeld gesunken sei. „Diesen Nachweis haben wir bislang immer erbringen können“, sagte Garvens - und bekam Beifall von den Flughafen-Anhängern im Publikum. Und Garvens warb dafür, sich in der Diskussion über Lärmbelastung „auch über den Straßen- und Schienenverkehr zu unterhalten“. Das wiederum brachte einen Zuhörer auf die Palme: Man könne relativ gleichmäßigen Straßenlärm nicht mit dem punktuellen nächtlichen Fluglärm vergleichen.

Ein Zuhörer nahm den Flughafen dann allerdings ein wenig aus der Schusslinie: „Der Flughafen ist der falsche Gegner“, sagte der Mann. „Er tut das, was er tun darf. Diejenigen, die die Situation zu verantworten haben, sitzen in Düsseldorf und Berlin in der Regierung.“

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