Studie: Streit über Nutzen des Airports - Kölner Stadt-Anzeiger vom 18.11.10
Der wirtschaftliche Nutzen des Köln-Bonner Flughafens für die Stadt und die Region ist umstritten. Der Finanzexperte Friedrich Thießen wirft der Flughafenleitung eine fehlerhafte Prognose zum Thema Arbeitsplätze vor.

KÖLN - Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze: Das sind die Argumente der Flughafenleitung für einen uneingeschränkten Flugbetrieb - auch nachts. Doch die Studie, auf deren Basis der Flughafen seine Bedeutung als wachsender Wirtschaftsfaktor begründet, ist nach Aussagen des Wirtschaftswissenschaftlers Friedrich Thießen fehlerhaft. Die positiven Effekte sind überzeichnet.

Thießens Kritik bezieht sich auf die Studie, die der Flughafen von der Booz-Allen-Hamilton-GmbH, dem Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos und dem Airport Research-Center hat erstellen lassen und im Jahr 2008 vorstellte. Danach sorgt der Flughafen nicht nur für 12.500 Arbeitsplätze am Airport selbst, sondern darüber hinaus für weitere 24.500 bundesweit. Außerdem prognostiziert die Studie, dass im Jahr 2020 mehr als 20.000 Arbeitsplätze am Flughafen bestehen werden und dadurch bundesweit rund 46.000 weitere in ganz Deutschland.

Thießen, Professor für Finanzwirtschaft in Leipzig, hat im Auftrag der „Lärmschutzgemeinschaft Flughafen Köln / Bonn“ diese Studie analysiert. Dabei stellte er methodische Mängel fest und attestiert den Autoren, maßgebliche Größen zur Bemessung der wirtschaftlichen Effekte unterschlagen zu haben.

Einen wesentlichen Fehler der Flughafen-Studie macht er daran fest, dass sie einen Kaufkraftzufluss von 270 Millionen Euro pro Jahr durch einreisende Flugpassagiere ausmache, aber den Abfluss von Kaufkraft nicht berücksichtige.

Der entstehe dadurch, dass drei mal so viele Menschen vom Flughafen aus in andere Regionen und Länder verreisten und ihr Geld dort ausgäben, als via Airport in die Region kämen. Laut Thießen kommt so unter dem Strich ein Kaufkraftabfluss von 700 Millionen Euro zustande. Offen bleibt in Thießens Argumentation jedoch, ob die abreisenden Passagiere ohne den Flug von Köln-Bonn aus ihr Geld tatsächlich in der Region ausgegeben hätten. Nur dann könnte man den Abfluss dieser Kaufkraft mit dem vom Flughafen behaupteten Zufluss gegenrechnen.

Flughafen schafft keine neuen Arbeitsplätze in der Region
Außerdem schafft der Flughafen laut dem Wissenschaftler keine neuen Arbeitsplätze in der Region, sondern er führe „nur zu einer Verlagerung von Arbeitsplätzen vom verarbeitenden Gewerbe hin zum Dienstleistungsgewerbe“. Diese Einschätzung stehe im Einklang mit den Ergebnissen drei weiterer Studien, unter anderem des Rheinisch-Westfälischen-Institutes für Wirtschaftsforschung (RWI) aus Essen. Unter Berufung auf das RWI sagt Thießen: „Es gibt keine belastbaren Erkenntnisse, dass Flughäfen die Arbeitsmärkte der Regionen positiv beeinflussen.“

Und gestützt auf eine Studie des Rhein-Main-Institutes in Darmstadt meint der Wirtschaftswissenschaftler: „Es gibt keinen Zusammenhang zwischen regionalen Wachstumsraten und Flughäfen.“

Außerdem kritisiert Thießen, dass eine weitere grundlegende Erkenntnis in der vom Flughafen beauftragten Studie nicht berücksichtigt sei: dass nämlich niedrige Transportkosten auch ausländischen Anbietern nützen. In der Folge konzentriere sich die Nachfrage der Verbraucher eher auf die günstigeren ausländischen Produkte, so Thießen.

Zusammen mit dem 60 Seiten starken Thießen-Gutachten hat die Lärmschutzgemeinschaft eine eigene Berechnung angestellt. Demnach würden durch ein Verbot der nächtlichen Passagierflüge zwischen 0 und 5 Uhr nicht knapp 1700 Arbeitsplätze in der Region wegfallen, wie der Flughafen angibt, sondern maximal 265. Thießen hält diese Berechnung für „sehr plausibel“.


Kommentar zum Köln-Bonner Airport
Studien sind kein Ersatz für Politik - KStA vom 18.11.10

Das Hin und Her von Studien dreht sich im Kern nur um eine Frage: Gibt seine Wirtschaftskraft dem Flughafen das Recht, viele Menschen der Region ihres gesunden Nachtschlafes zu berauben, manche von ihnen sogar krank zu machen?

Der Flughafen Köln-Bonn ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Region und bietet viele Annehmlichkeiten. Das stellt niemand in Frage - auch nicht die Lärmschutzgemeinschaft.

Das Hin und Her von Studien und Gutachten dreht sich im Kern auch nur um eine Frage: Gibt seine Wirtschaftskraft dem Flughafen das Recht, viele Menschen der Region ihres gesunden Nachtschlafes zu berauben, manche von ihnen sogar krank zu machen?

Auch hinter der Expertise, welche die Fluglärmgegner jetzt vorlegen, steckt die Absicht, endlich ein Nachtflugverbot durchzusetzen, zunächst für Passagierflieger. Dazu sollen die wirtschaftlichen Erfolgszahlen des Flughafens angekratzt werden.

Dieses Vorgehen zeigt vor allem Eins: Die Politik in Bund und Land hat bisher kläglich darin versagt, einen gesunden Interessenausgleich zwischen Flughäfen und Anwohnern herbeizuführen. Die neue Landesregierung will das anpacken. Mal schauen, wie ausgeschlafen sie ist.