HINTERGRUND NACHTFLUGLÄRM-GRAFIK IN DER DISKUSSION
Warum Krach so schwer zu kartieren ist - Kölner Stadt-Anzeiger vom 20.08.2011, Seite 12


Lärm stört - das ist unbestritten. Welcher Lärm aber Menschen auf welche Weise beeinträchtigt, diese Frage stellt Wissenschaftler vor große Probleme. Denn es gibt für Lautstärke zwar die Maßeinheit Dezibel (dB), in der auch Grenzwerte (etwa für Spielzeug oder Küchengeräte) festgelegt werden. Dennoch können Geräusche gleicher Dezibel-Stärke unterschiedlich störend sein - abhängig von der Tonhöhe, der Frequenz und auch der Tageszeit.

So ist ein eintöniger Pfeifton unangenehmer als eine dumpfe Melodie. Und Lärmbelastung in der Nacht ist eher gesundheitsschädlich als am Tag. Zudem kommt es darauf an, in welcher Entfernung zum Ohr die Lautstärke gemessen wird und ob es sich bei den Angaben um Spitzen- oder Durchschnittswerte handelt. Daher sind Dezibel-Angaben extrem schwer miteinander zu vergleichen, wenn sie nicht unter den gleichen Rahmenbedingungen zustande kommen.

"Dieses Problem haben wir immer wieder", bestätigt René Weinandy, Lärmexperte des Umweltbundesamtes. "Menschen wünschen sich bei Dezibel-Werten einen Vergleich mit einem Geräusch, das sie kennen. Dann kann man es besser einschätzen."

Häufiger herzkrank

Grundsätzlich sei es auch zulässig, solche Vergleiche zu ziehen, "um einen gewissen Näherungswert" darzustellen. Wissenschaftlich werden aber nur Dezibelwerte miteinander verglichen, die unter konstanten Bedingungen gemessen wurden.

Prof. Eberhard Greiser und sein Team haben 2010 eine umfassende Studie zur Auswirkungen von Fluglärm auf die Gesundheit von Anwohnern des Flughafens Köln/Bonn durchgeführt (der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtete). Dafür wurden Karten erstellt, die die Lärmbelastung in der Nacht für verschiedene Regionen anzeigt (siehe Grafik). Diese Angaben sind keine tatsächlich gemessenen Werte, wie Fluglärmexperte Thomas Myck erklärt, der für das Umweltbundesamt mit der Studie befasst ist. "Die Werte sind Mittelwerte, die auf der Basis von Flugplänen des gesamten Flugverkehrs in Köln/Bonn berechnet wurden."

Sie geben also nicht die Lautstärke an, mit der ein Flugzeug über eine bestimmte Region donnert, sondern die durchschnittliche Lärmbelastung jenes Gebiets in einem bestimmten Zeitraum - zwischen 22 und 6 Uhr. Zudem bezieht sich der Wert auf den Lärm, der außerhalb von Gebäuden zu vernehmen ist. Wollte man den Wert im Schlafzimmer berechnen, müsste auch die Schallisolierung des Raumes miteinkalkuliert werden.

Das alles erklärt, dass Lärmbetroffene die Karte als wenig zufriedenstellend bezeichnen - schließlich scheint die Grafik nicht die tatsächliche Ruhestörung zu der Zeit wiederzugeben, in der ein Jet über das Haus fliegt.

Für die Studie allerdings waren gerade jene Durchschnittswerte von Bedeutung. Denn sie wurden in Verbindung gesetzt mit ärztlichen Angaben über die Häufigkeit von Herz-, Kreislauf- und psychischen Erkrankungen in der Region. Dadurch konnte die Untersuchung herausstellen, dass Menschen, die andauerndem nächtlichem Fluglärm ausgesetzt sind, tendenziell häufiger an Bluthochdruck und weiteren Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Bei Frauen wurde bei zunehmender Lautstärke auch eine Häufung von Depressionen festgestellt. So gibt die Karte zwar nicht die tatsächliche Störung der nächtlichen Ruhe in ihrem vollen Ausmaß wieder - aber sie ist durchaus ein Dokument, mit dem Betroffene für ein Nachtflugverbot oder mehr Lärmschutz in ihrer Region argumentieren können.