Fluglärm-Studie - Ruhezeiten tun dringend Not
Kölner Stadt-Anzeiger vom 21.04.2010

Ein Studie des Umweltbundesamtes belegt, dass die nächtliche Belastung durch Fluglärm nicht nur das Risiko eines Herzleidens erhöht, sondern auch die Zahl der Brustkrebsfälle um bis zu 80 Prozent steigen lässt. Jetzt soll die Bundesregierung mit Gesetzen reagieren.

BERLIN – Es ist die umfassendste Untersuchung zu den Auswirkungen nächtlichen Fluglärms, die je in Deutschland durchgeführt worden ist, und die Ergebnisse sind dramatisch. Bei einem nächtlichen Dauerlärmpegel von 40 Dezibel und mehr steigt die Zahl der der Herzerkrankungen, Depressionen und Brustkrebsfälle zwischen 20 und 80 Prozent an. Dabei stellte der Epidemiologe Eberherd Greiser einen eindeutigen Zusammenhang der Lärmbelastungen mit den Erkrankungen fest: Je höher die gemessene Lärmdosis, desto häufiger traten die Krankheiten auf. Insgesamt reagierten Frauen wesentlich empfindlicher auf nächtlichen Fluglärm als Männer.

Greisers Studie basiert auf den Daten von 1,02 Millionen Krankenversicherten aus Köln, dem Rhein-Sieg-Kreis und dem Rheinisch-Bergischen Kreis, die in der Nähe des Flughafen Köln-Bonn leben. Das entspricht 55 Prozent der gesamten Wohnbevölkerung in dieser Region. Greiser wertete die Diagnose- und Arzneimittelverordnungs-Daten von acht Krankenkassen aus (darunter die TK, DAK, die Barmer, die AOK-Rheinland-Hamburg und einige Betriebskrankenkassen) und setzte sie in Beziehung zu den örtlichen Nachtfluglärm-Belastungen. Dabei wurden andere Lärmquellen wie Schienen- und Straßenverkehr ebenso berücksichtigt wie der sozio-ökonomische Status der Versicherten, der ebenfalls Erkrankungshäufigkeiten beeinflussen kann.

Im Vergleich zur Gruppe der nicht lärmbelasteten Anwohner stellte Greiser bei den 200 000 Personen, die nächtlichem Fluglärm von mindestens 40 Dezibel Dauerlärmpegel ausgesetzt waren, durchweg erhöhte Krankheitszahlen fest. Frauen, die 55 Dezibel ausgesetzt sind, leiden um fast 60 Prozent häufiger an Herzschwäche und Kreislauferkrankungen als ihre Geschlechtsgenossinnen in unbelasteten Gebieten. Bei Männern beträgt die Steigerung zwischen 10 und 45 Prozent. Wächst der Dauerlärmpegel auf 60 Dezibel an, liegt der Anstieg bei Frauen zwischen 65 und 80 Prozent, bei Männern zwischen 25 und 70 Prozent.

Für das Risiko von Depressionen wurden ähnliche Wert festgestellt. Bei einer Belastung von 60 Dezibel erhöht sich das Risiko 40-jähriger Männer, an einer Depression zu erkranken, sogar um 110 Prozent. Die Steigerungsraten beim Brustkrebsbefund lägen teils noch über denen der Herz-Kreislauferkrankungen. Detaillierte Daten hierzu wird Greiser Ende April in einer weiteren Studie vorstellen.

Der Epidemiologe untersuchte ferner, wie sich der Einbau von Lärmschutzfenstern auf die Erkrankungshäufigkeit auswirken. 58 000 der 200 000 betroffenen Anwohner haben gegenüber dem Flughafen Köln-Bonn einen Anspruch auf die Finanzierung solcher Fenster am Schlafzimmer.

Lärmschutz wirkt sich aus

Dabei zeigte sich, dass die „Lärmschutz-Berechtigten“ viel seltener einschlägige Erkrankungen aufwiesen als Anwohner, denen die schalldichten Fenster nicht bezahlt wurden. So litten Frauen über 40 Jahren in Gebieten mit einer Lärmbelastung von 60 Dezibel bei Schallschutz „nur“ zu 40 Prozent häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als unbelastete Anwohner, ohne Schallschutzfinanzierung betrug der Anstieg 105 Prozent.

Der für Umwelt zuständige stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Ulrich Kelber, forderte die Bundesregierung angesichts der Studienergebnisse zum Handeln auf. Um die Bevölkerung wirksamer vor nächtlichem Fluglärm zu schützen, müssten Kernruhezeiten, ein Nachtflugverbot für lautere Flugzeugtypen sowie die Ausweitung flughafenfinanzierter Schallschutzfenster umgesetzt werden.