Flughafen

„Stille Nacht? Gibt's hier nicht“ - Interview im Kölner Stadt-Anzeiger vom 24.12.2009
Das Gespräch führte Johannes Schmitz

Der Flughafen Köln/Bonn ist der nachtaktivste in ganz Europa. Die lärmgeplagten Anwohner freut das nicht. Johannes Schmitz sprach mit Klaus Stich, dem Vorsitzenden der Fluglärmkommission, die den Verkehrsminister berät.

Köln Herr Stich, vielerorts wird jetzt das Weihnachtslied „Stille Nacht“ gesungen. Für wie viele Menschen am Flughafen Köln-Bonn sind die Nächte denn überhaupt nicht still?

KLAUS STICH: Um den Flughafen herum sind das Hunderttausende. Die europäische Flugsicherungsbehörde Eurocontrol hat gerade bekannt gegeben, dass Köln-Bonn in ganz Europa auf dem unrühmlichen Platz Eins beim nächtlichen Fluglärm liegt. München hat keine planmäßigen Nachtflüge, Frankfurt nur noch wenige.

Aber die Anwohner um den Flughafen Köln-Bonn sind doch nicht alle im selben Maß betroffen?

STICH: Am schlimmsten ist es für Lohmar und Siegburg. Aber auch Hennef, Neunkirchen-Seelscheid, Porz, Overath, Heumar und Rösrath leiden stark unter nächtlichem Fluglärm.

Was ist denn so schlimm daran, wenn nachts ein Flugzeug über mein Haus fliegt, während ich schlafe?

STICH: Für Siegburg-Kaldauen etwa bringen manche nächtlichen Flieger bis zu 85 Dezibel mit sich. Das ist so laut wie ein Presslufthammer. Dabei kann kaum ein Mensch einschlafen. Nach diesem Lärm ist meist zwar ein paar Minuten Ruhe, doch dann kommen die nächsten Flugzeuge. Wegen denen würde man nicht aufwachen, aber sie sind laut genug, um einen nicht wieder einschlafen zu lassen. Und dann kommt die nächste Frachtmaschine und macht wieder Lärm wie ein Presslufthammer.

Wie ist das denn bei Ihnen persönlich?

STICH: Ich gehöre zu den Betroffenen, die zwar nicht aufwachen durch den nächtlichen Fluglärm, die sich aber trotzdem am nächsten Morgen müde und unausgeschlafen fühlen. Versuche im Schlaflabor der Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt haben nachgewiesen, dass viele Menschen im Schlaf durch den nächtlichen Fluglärm bis kurz vor die Aufwachgrenze kommen. Die haben also nicht wirklich durchgeschlafen. Doch abgesehen davon: Sie können an einem Sommerabend eben nicht ungestört auf der Terrasse oder dem Balkon sitzen, weil es viel zu laut ist.

Der Flughafen baut besonders Betroffenen doch Schallschutzfenster ins Haus.

STICH: Aber nur dort, wo mindestens sechs Mal 75 Dezibel in der Nacht berechnet werden. Und die Fenster gibt es nur für die Ruheräume, also nicht für Wohnzimmer und Küche.

Was muss Ihrer Meinung nach gegen den nächtlichen Fluglärm getan werden?

STICH: Wir fordern zumindest, dass in der Nacht kein Flugzeug mehr als 75 Dezibel Lärm in den Wohngebieten verursachen darf. Dabei muss man beachten: Drei Dezibel mehr bedeuten eine Verdopplung des Lärms, 85 Dezibel sind also drei mal so laut wie 75.

Wer ist „wir“?

STICH: Die große Mehrheit der in der Beratungskommission vertretenen Kommunen.

Gibt es Nachtflüge, die auf den Tag verlagert werden könnten?

STICH: Zum Beispiel die Passagierflüge. Warum sind die meisten Billigflieger in Köln-Bonn versammelt? Weil sie hier 24 Stunden tags und nachts fliegen können. Das ist nicht akzeptabel. Auch die lauten Frachtmaschinen gehören nachts nicht über Wohngebiete.

Würden dann nicht viele Arbeitsplätze verloren gehen?

STICH: Der Großteil der in der Nacht Beschäftigten würde dann eben tagsüber arbeiten. Ein Nachtflugverbot hätte also wesentlich weniger negative Auswirkungen auf die Arbeitsplätze als immer behauptet wird.

Was tun die Kommunen denn, um sich gegen die Nachtflüge zu wehren?

STICH: Klagen, so wie es die Stadt Siegburg derzeit mit der Unterstützung zahlreicher Kommunen tut. Dabei wird es darauf ankommen, ob die Gerichte der Argumentation folgen, dass nächtlicher Fluglärm der Gesundheit massiv schaden kann. So hat es etwa das OVG Kassel für Frankfurt entschieden. Und in Leipzig / Halle ist die Genehmigung für nächtliche Passagierflüge vom Gericht gekippt worden, weil die Richter keine Notwendigkeit dafür sahen.

Gibt es keinen anderen Weg, etwas gegen den nächtlichen Fluglärm zu tun?

STICH: Ich kann mir vorstellen, dass der Flughafen Interesse daran haben könnte, seine Start- und Landebahnen zu verlängern. Dies würde nach meiner Auffassung jedoch ein Planfeststellungsverfahren bedingen. Doch dabei könnte heraus kommen, dass der Airport, so wie er derzeit betrieben wird, gar nicht genehmigungsfähig ist. Vor allem die Genehmigung für den Flugverkehr rund um die Uhr könnte dann auf der Kippe stehen.

Werden denn die neueren Flugzeuge nicht immer leiser, so wie die Autos?

STICH: Die Realität am Flughafen Köln-Bonn sieht leider anders aus, denn es ist nachweislich in den letzten zehn Jahren nicht leiser geworden ist, was daran liegt, dass die Flugzeuge immer größer werden.

Ist keine Besserung in Sicht?

STICH: Der Logistikkonzern Fedex nimmt in diesen Tagen den Fracht- und damit vorrangig den Nachtflugbetrieb auf. Dem sehen wir mit großer Sorge entgegen, weil in der Fedex-Flotte die zwei schlimmsten Krachmacher vertreten sind: die Boeing 747 und die MD-11. Dass die laute MD-11 nachts überhaupt fliegen darf, haben wir wohl der berüchtigten Lobbyarbeit bei der Politik zu verdanken.