Wie krank macht Fluglärm? - Kölner Stadt-Anzeiger vom 26.02.10

Mit seiner nächtlichen Lärmbelastung steht der Köln-Bonenr Flughafen europaweit an der Spitze. Doch darüber, wie schädlich diese Emission wirklich ist, streiten sich die Experten. Ein neues Gutachten wird im März im Umweltausschuss vorgestellt.

KÖLN/SIEGBURG - Dass der Flughafen Köln-Bonn nachts zwischen Null und fünf Uhr der lauteste in ganz Europa ist, hat die europäische Flugsicherungsbehörde kürzlich mit Zahlen deutlich untermauert. Aber wie schädlich ist dieser Lärm für die Gesundheit? Nach einem Gutachten des Epidemiologen Eberhard Greiser kann er das Immunsystem derart stressen, dass es sich gegen zum Teil tödliche Krankheiten nicht mehr wehren kann. Greiser hat zu diesem Thema soeben eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA) und eine weitere im Auftrag des Rhein-Sieg-Kreises erstellt.

Auf die Studie Greisers für den Kreis, die für Frauen ein deutliches erhöhtes Risiko für Brustkrebs und Leukämie ausmacht, hat jetzt die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (VDA) reagiert. Sie hat eine „Bewertung “ des Greiser-Gutachtens anfertigen lassen, deren Autoren zu dem Ergebnis kommen, dass die Zahlen über Krebserkrankungen nicht haltbar seien. Das ganze Gutachten sei „wissenschaftlich nicht belastbar“. Dieser Einschätzung liegt keine eigene Forschung zugrunde, sondern die Lektüre von Greisers Studie.

Dieser nimmt es gelassen und listet seinerseits über mehrere Seiten auf, was die vom ADV bestellten Kollegen alles nicht verstanden oder beachtet hätten, zum Teil, „weil sie selber noch nie derartige Auswertungen vorgenommen haben“, so Greiser.

Beim UBA mischt man sich in diesen Streit nicht ein, bezieht aber indirekt Position. „Wenn wir nicht von seiner Qualität überzeugt wären, hätte Greiser keinen Auftrag von uns bekommen“, stellt Jens Ortscheid klar, UBA-Fachmann in Lärmfragen.

„Oberflächlich“ findet Horst Becker die Reaktion der Flughafenbetreiber auf die Greiser-Studie. Der grüne Landtagsabgeordnete kämpft seit Jahrzehnten gegen die Nachtflüge am Köln-Bonner Flughafen. Wenn der Flughafen oder die Landesregie rung, die die Nachtflüge bis ins Jahr 2030 abgesegnet hat, an einer objektiven Aufarbeitung von Greisers Ergebnissen interessiert wären, hätten sie eine weiter führende Studie in Auftrag geben sollen, findet Becker. Die „Bewertung“ des Greiser-Gutachtens stelle „den Versuch dar, eine dem Flughafen offensichtlich gefährlich werdende Arbeit zu desavouieren.“ Flughafen-Sprecher Walter Römer bezieht die Position, der Flughafen könne und wolle nicht in den wissenschaftlichen Diskurs eingreifen, dies müssten Fachleute tun.

Unterdessen hat Greiser seine Zusammenarbeit mit dem Rhein-Sieg-Kreis beendet, weil die Kreisverwaltung zehn Monate auf seiner Arbeit saß - ohne sie wegen „fachlicher Zweifel“ zu veröffentlichen. Das tat Landrat Frithjof Kühn nach Greisers Kündigung erst gestern.

Anfang März geht es im Bundes-Umweltausschuss um die Arbeit Greisers. Die politische Diskussion um den nächtlichen Fluglärm hat neue Nahrung bekommen. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung steht auch das Thema „international wettbewerbsfähige Betriebszeiten“ auf der Agenda. Menschen, die unter den Nachtflügen leiden, fürchten, dass die Regierung den Flughäfen einen Persilschein für Nachtflüge ausstellen will.


Kommentar: Durchsichtiges Manöver - Kölner Stadt-Anzeiger vom 26.02.10
Die Flughäfenbetreiber haben ein Gegengutachten in Auftrag gegeben, das einer frühere Studie zum Thema Fluglärm widerspricht. Und die politisch Verantwortlichenen reagierten viel zu spät auf das taktische Manöver.
Mit einem bestellten Mini-Gutachten wollen die Flughäfenbetreiber die Studie eines renommierten Epidemiologen aushebeln. Kann nächtlicher Fluglärm selbst schlafende Körper derart schwächen, dass diese anfälliger für Herzkrankheiten, Schlaganfälle und Krebs werden? Das passt nicht ins Wirtschaftskonzept derjenigen, die an den Nachtflügen verdienen. Das Manöver der Airports ist sehr durchschaubar. Und es zeigt, dass eine groß angelegte ernsthafte Auseinandersetzung mit den Folgen des nächtlichen Fluglärms dringend notwendig ist.
Ergebnisoffen, so wie es sich für die Wissenschaft gehört. Genau dies wünscht sich auch Professor Greiser. Daher ist es bedauerlich, dass der Rhein-Sieg-Kreis dessen Gutachten nicht schon früher mit allen offenen Fragen in die Diskussion geworfen hat. So hat er dem Flughafen in die Hände gespielt. Dessen Betreiber werden sich in Zukunft auf dieses Zaudern berufen können, wenn sie Greisers Studie in Frage stellen. Die Leidtragenden sind mal wieder diejenigen, um deren Gesundheit es geht.