Streit über Grenze des Wachstums - Kölner Stadt-Anzeiger vom 20.04.2011
DILEMMA Der Airport Köln/Bonn will auf Nachtflug nicht verzichten und die umliegenden Orte weder auf Neubürger noch auf Schlaf - Neubaurecht selbst in Orten, die unter den Jets leiden

Siegburg/Köln. Für den Kölner Oberbürgermeister ist die Sache klar: Nachtruhe am Flughafen in Wahn gibt es erst, wenn überall sonst in Europa die Flieger auch auf dem Boden bleiben. In einem Brief an die lärmgeplagte Lohmarerin Marion Cramer schreibt Jürgen Roters: "Derzeit sehe ich ein einseitig auf den Flughafen Köln/Bonn ausgerichtetes Verbot kritisch, da dadurch ein Wettbewerbsnachteil entstehen kann, der wiederum zum Verlust von Arbeitsplätzen führt."

Damit übernimmt der Kölner OB die Argumentation des Flughafens, der (auch gestärkt von Gutachten) auf die wirtschaftliche Bedeutung des Airports hinweist. Diese Gutachten sind nicht unumstritten. Fluglärmgegner haben erst kürzlich eine Gegenstudie vorgelegt, die die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Nachtflugverbots in Köln-Bonn wesentlich weniger dramatisch sieht, als der Flughafen es darstellt.

Was Roters und der Flughafen gerne weglassen: Der Airport Köln/Bonn hat einen großen Wettbewerbsvorteil, weil er ohne zeitliche Einschränkung angeflogen werden darf. Die umliegenden Städte beklagen seit 25 Jahren, dass die Expansionspolitik des Flughafens gezielt auf diesen nächtlichen Vorteil setze.

Und das auf Kosten von vielen Tausend Menschen, die ihre Häuser im Kölner Umland gebaut haben, bevor der Nachtflugbetrieb im Jahr 1986 mit der Ansiedlung von UPS richtig losging. Besonders betroffen ist Siegburg. Mit einer eigenen Lärmmessstation dokumentiert die Stadtverwaltung den allnächtlichen Lärm.

Im Jahr 2010 waren 4742 Flugzeuge in der Nacht so laut für die Anwohner, als wäre ein Schwerlastwagen an ihrem Schlafzimmerfenster vorbeigebrettert. Im Jahr 2009 sorgten "nur" 3171 Flugzeuge für einen solch großen Lärm. Insgesamt registrierte die Siegburger Lärmmessstation 14 500 Flüge zu nachtschlafender Zeit. Siegburgs Bürgermeister Franz Huhn kennt die wirtschaftliche Bedeutung des Flughafens. Aber er wehrt sich dagegen, dass Wirtschaftsinteressen über die Gesundheit und letztlich das Leben der Menschen gestellt werden. Er verlangt vom Airport, sein Geschäftskonzept zu ändern und so wie andere deutsche Flughäfen ohne Nachtflüge auszukommen. Dass der Flughafen Priorität vor den Rechten der Anwohner haben soll, kritisiert Huhn scharf. "Es kann nicht sein, dass wir den Flughafen vor den Menschen schützen", sagt der CDU-Mann und bezieht sich auf die vielen Proteste von Siegburger Bürgern gegen den nächtlichen Fluglärm.

Die Flughafenleitung hingegen wirft Huhn Heuchelei vor. Immer wieder weise Siegburg neue Baugebiete genau dort aus, wo die Flugzeuge in relativ geringer Höhe fliegen. Der Flughafensprecher Walter Römer betont, dass der Airport die Stadt wiederholt darauf hingewiesen habe, Wohngebiete in von Fluglärm betroffenen Stadtvierteln nicht zu erweitern, ohne Schallschutz einzuplanen. Der Flughafen wirft der Stadt sogar vor, in einem Bebauungsplan für den besonders vom Fluglärm betroffenen Stadtteil Stallberg an keiner Stelle auf den Flugbetrieb oder nötige Schallschutzmaßnahmen hingewiesen zu haben. In einem anderen Fall hatte der Flughafen der Stadt davon abgeraten, Wohnhäuser zuzulassen

"Für einen derart sorglosen Umgang mit den Schutzinteressen neuer Anwohner hat die Flughafengesellschaft kein Verständnis", sagt Römer. "Auf diese Weise wird die Kommune selber zum Verursacher und leistet Vorschub für spätere Belastungen der Anwohner, die dann auf den Flughafen zurückfallen."

Huhn sieht nicht ein, das Wachstum der Stadt Siegburg den Finanzinteressen des Flughafens unterzuordnen. Zumal die Stadtteile schon vor dem Nachtflugbetrieb des Flughafens bestanden. Stattdessen setzt er auf ein Nachtflugverbot durch die Landesregierung, und wenn das nicht greift, auf das NRW-Verwaltungsgericht in Münster, vor dem die Stadt Siegburg gegen den Flughafen klagt. Der Klage angeschlossen hat sich neben anderen Kommunen auch die Stadt Lohmar. Deren Bürgermeister Wolfgang Röger (CDU) kennt den Vorwurf des Flughafens an die umliegenden Städte, selbst daran schuld zu sein, dass ihre Bürger nicht schlafen können. Seit den 50er Jahren seien keine neuen Stadtteile entstanden. "Der ganze Ort ist betroffen", sagt Röger, der Lärmkorridor stetig breiter geworden."

Doch in vielen Gebieten bestehe der rechtliche Anspruch, zu bauen. Das könne man Bauträgern nicht verwehren. Trotz des Fluglärms sind Lohmar und Siegburg beliebte Wohnstädte im Kölner Umland. Einen generellen Preisverfall der Immobilien durch Fluglärm kann Röger nicht feststellen. Teilweise sei es aber schwierig, Käufer für Häuser zu finden, räumt er ein.

Wie Huhn prangert auch Röger die Nischenpolitik des Flughafens an. "Ich kann mir nicht alles zulasten anderer erlauben", findet er. Bisher falle die Abwägung einseitig gegen die Gesundheit der Anwohner aus. Dennoch weiß Röger auch, dass der Flughafen auch vorteile für Lohmar bringt. Als Firmenstandort wirbt die Stadt mit ihm.

Zum Thema Nachtfluggenehmigung wird es 2011 spannend. Einerseits, weil die rot-grüne NRW-Landesregierung die Passagiernachtflüge kippen will. Andererseits, weil die schwarz-gelbe Koalition das Luftverkehrsgesetz ändern will.

Dabei könnte allerdings auch ein Freibrief für den Nachtflugbetrieb an deutschen Flughäfen herauskommen.

Auf die Einladung von Marion Cramer, eine Nacht im Haus ihrer Familie zu verbringen, ist Roters nicht eingegangen. Dabei findet Cramer: "Diese Erfahrung ist unabdingbar, wenn man sich fundiert zum Nachtflug äußern will."