WDR "MARKT"
Sendung vom 14. Januar 2008

Fluglärm: Krank durch Nachtflüge

Eine umfangreiche Studie weist nach, dass nächtlicher Fluglärm krank macht. Hoher Blutdruck ist eine der gefährlichsten Folgen. Ungeachtet dessen bleibt der Flughafen Köln/Bonn eine der wichtigsten Drehscheiben für die besonders profitablen Nachttransportflüge.

Von H-C Schultze und Gregor Witt

13 Millionen Bundesbürger leiden unter Lärm. Besonders schlimm ist nächtlicher Fluglärm, weil diese Schallereignisse so plötzlich auftreten. Das Umweltbundesamt hat in einer weltweit größten Studie den Zusammenhang zwischen Medikamentenverbrauch und Fluglärm an 800.000 Anwohnern des Flughafens Köln/Bonn untersucht. Ergebnis: Jeder Fünfte ist durch Fluglärm krank. Bei Anwohnern, die nachts stark belastet werden, steigt der Verbrauch von Schlaf- und Beruhigungsmitteln und zum Beispiel Arzneien zur Senkung des Blutdrucks um bis zu 200 Prozent. Unter dem Einfluss von starkem Lärm steigt beispielsweise der Verbrauch von Arzneien gegen Bluthochdruck bei Männern um 24, bei Frauen sogar um 66 Prozent.

Welche schlimmen gesundheitlichen Auswirkungen nächtlicher Fluglärm hat, weiß auch Dr. Arno Lange, Facharzt für Innere Medizin. Er behandelt viele Anwohner des Flughafens Köln/Bonn, die unter Lärm leiden. Tagsüber ist deren Blutdruck völlig normal. In der Nacht aber steigt er durch startende und landende Flieger rapide an. Und das oft, ohne dass die Geschädigten davon aufwachen, so Dr. Arno Lange. „Nächtlicher Lärm führt zu hohem Blutdruck, und Folgen des hohen Blutdrucks können Schlaganfall und Herzinfarkt sein. Das sind Erkrankungen, die nicht selten zu einem tödlichen Ausgang führen“, warnt der Facharzt.

Lärm kostet

Für markt hat der Mediziner am Beispiel eines seiner Patienten ausgerechnet, welche Folgekosten Lärm verursachen kann. Der heute 72-jährige, ehemalige Steinmetz hat nie geraucht, ernährt sich gesund und treibt bis heute Sport. Er leidet nachts unter Fluglärm. Vor ungefähr zehn Jahren bekam er aus heiterem Himmel einen Herzinfarkt. Erst da erkannte sein Arzt die wahrscheinliche Ursache: Bluthochdruck durch Nachtlärm. Behandlung und Medikamente für den Patient kosten jedes Jahr rund 2.000 Euro. Umgerechnet auf alle 160.000 Betroffenen ergibt das hohe Gesundheitskosten, rechnet Dr. Arno Lange vor: „Wenn man es auf die Größe der betroffenen Bevölkerung hochrechnet, kommt man auf mehrere 100 Millionen Euro, die bisher die Krankenkassen bezahlen und damit letzten Endes die Versicherten.“

Dass Fluglärm extrem hohe Folgekosten verursacht, sieht auch das Umweltbundesamt. Die Behörde fordert, Lärm endlich spürbar teuer zu machen. Dazu Jens Ortscheid, Lärmexperte beim Umweltbundesamt: „Wenn ich Lärm mache, muss ich mehr dafür zahlen. Das heißt, ich würde dadurch den Anreiz erhöhen, lärmarme Produkte, lärmarme Fahrzeuge oder Flugzeuge einzusetzen oder auf den einen oder anderen Flug ganz zu verzichten.

Verursacher zahlen so gut wie nichts

Lärmentgelte bei Starts und Landungen gibt es zwar, aber sie sind bundesweit lächerlich gering. Am Flughafen Köln/Bonn beträgt der nächtliche Lärmzuschlag zum Beispiel für einen Airbus A 300 pro Tonne Frachtgewicht nur 3,59 Euro. Die Kunden aber zahlen den Frachtfirmen pro Tonne mindestens 400 Euro Nachtzuschlag - fast das Hundertfache. Nachtlärm bringt den Frachtfluggesellschaften also richtig Geld, statt sie für den Nachtlärm zu bestrafen.

Kein Wunder, dass große Frachtfluggesellschaften wie UPS gerne alles so lassen möchten, wie es ist. Das will auch die Landesregierung. Sie ist Anteilseigner am Flughafen Köln/Bonn. Ein Nachtflugverbot, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen, kommt für Landesverkehrsminister Oliver Wittke nicht infrage. Er sieht darin eine Gefährdung des Wirtschaftsstandortes Nordrhein-Westfalen: „Es geht darum: Kann ich einen Wirtschaftsstandort 24 Stunden lang mittels Luftverkehr erreichen oder nicht? Da stehen wir im Wettbewerb mit anderen europäischen Wirtschaftsstandorten. (…) Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die Stärkung des Wirtschaftsstandortes NRW muss natürlich mit Berücksichtigung finden, aber gleichwohl müssen auch die berechtigten Interessen der Anwohner beachtet werden.“

Es kommt noch schlimmer

Die berechtigten Interessen der Anwohner? Im Januar dürfen Anwohner und Vertreter der von Lärm geschädigten Kommunen zwar ihre Bitten um ungestörten Schlaf bei einer Anhörung im Ministerium vortragen. Aber ob sie das tun oder nicht, ist letztlich völlig egal, denn Minister Wittke hat ohne Beteiligung des Landtags schon jetzt entschieden, dass die sowieso schon besonders großzügige Nachtflugerlaubnis am Flughafen Köln/Bonn bis ins Jahr 2030 verlängert wird. Einige Kommunen prüfen, ob sie gerichtlich gegen die faktische Nichtanhörung vorgehen können.

Weitere Informationen:

Flugbetriebs- u. Lärmstatistiken zum Flughafen Köln/Bonn
Lärmschutzgemeinschaft Flughafen Köln/Bonn e. V.

Lärmmesswerte am Flughafen Köln/Bonn
Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf e. V.

Infos zu Lärmproblemen
Umweltbundesamt