aus der Kölner-Rundschau (Rhein-Sieg) vom 21.11.02

Archiv der Rubrik Lokales - Rhein-Sieg vom 21.11.2002:


Weltweit größte Studie zu Folgen des Nachtfluglärms
Im Schlaflabor unter Beobachtung

RHEIN-SIEG-KREIS. Bis zu 25 Mal in der Nacht hat ein normaler Mensch "Aufwachreaktionen". "Man erinnert sich nur nicht mehr daran", sagte Naturwissenschaftler Dr. Alexander Samel, Leiter der Flugphysiologie.

Und sein Mitarbeiter, der Mediziner Dr. Mathias Basner, fügte an: "Aufwachreaktionen sind Teil des natürlichen Schlafes." Über diese Mitteilung waren die Mitglieder des Kreisverkehrsausschusses ganz schön überrascht, als sie das Schlaflabor beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Porz besuchten. Sie wollten etwas darüber erfahren, wie sich der Fluglärm, stetes Streitthema im Rhein-Sieg-Kreis, auf Nachtruhe und Gesundheit der Menschen auswirkt.

Endgültige Antworten bekamen sie von den beiden DLR-Mitarbeitern freilich noch nicht. Bisher gibt es nur Teilauswertungen, die vierjährige Untersuchung dauert noch bis 2003. Um wissenschaftlich gesicherte Daten zu bekommen, testen sie 192 Menschen aus der Nachbarschaft des Flughafens, etwa aus Heumar, Lohmar und Neunkirchen-Seelscheid.

Dafür werden in verschiedenen Testabschnitten 64 Menschen zu Hause beim Schlaf getestet. 128 gehen tagsüber ihrer normalen Arbeit nach und kommen in kleinen Gruppen zu je 13 Probenächten in das 300 Quadratmeter große Schlaflabor in Porz, das einer großen Wohnung nachempfunden ist mit Wohnzimmer, Klo und Schlafkabinen, die mit teurer Elektronik ausgestattet sind. Die letzte Probephase im Schlaflabor ist für das Frühjahr 2003 geplant.

Die Wissenschaftler erläuterten, wie schwierig es sei, eingedenk der bis zu 25 natürlichen Aufwachreaktionen herauszufinden, wie oft jemand zusätzlich durch Fluglärm wach wird. Dafür wenden sie verschiedene Messverfahren an, während über Lautsprecher in der Nacht Tonbandaufzeichnungen von Fluglärm verschiedenster Stärke in die Schlafkabine schallt.

Weil bei der Auswahl die 192 Probeschläfer aus der Nachbarschaft des Flughafens alle im Alter von 18 bis 65 Jahren und altersentsprechend gesund sein mussten, gibt es Kritik von der "Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf Rhein-Sieg". Das begrenze die Aussagekraft der Ergebnisse, Kinder und alte Menschen mit unterschiedlichsten "Krankheitsbildern" müssten in die Untersuchung einbezogen werden, fordert die Initiative.

Die Forscher lehnen die Kritik nicht völlig ab, betonen aber, dass erstmal und "endlich" (Dr. Samel) mit der Studie eine wissenschaftlich haltbare (und weltweit bisher einmalige) Grundlage geschaffen werden müsse. Später könne man darauf aufbauend sich bestimmten Bevölkerungsgruppen zuwenden.

Für eine "perfekte Studie", so die DLR-Forscher, müssten alle Menschen im Umfeld eines Flughafens untersucht werden; das aber sei viel zu aufwendig und zu teuer. Zudem gebe es 8994 registrierte "Krankheitsbilder". Die Initiative befürchtet, die Studie nur mit gesunden Probeschläfern könne die Politiker zu dem Schluss verleiten, Fluglärm sei gesundheitlich unproblematisch, obwohl die Initiative-Ärzte schon aus den Teilauswertungen andere Folgerungen ziehen. Am heutigen Mittwoch, 20. November, gibt es im Kreisverkehrsausschuss eine erneute Mitteilung über den Stand der Studie.