Rheinisches Ärzteblatt 9/2005

Wie krank macht nächtlicher Fluglärm?

Ärzteinitiative gegen Fluglärm gibt sich eine Satzung und hofft auf den baldigen Start einer epidemiologischen Studie

von Jürgen Brenn

Vor allem startende Frachtflugzeuge stören die Nachtruhe der Anwohner des Köln-Bonner Flughafens. Foto: Köln Bonn Airport

„Wir sind nicht gegen den Flughafen; wir treten ein für die Einhaltung der Nachtruhe“, betont Dr. Arno Lange. Der Arbeits- und Umweltmediziner arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis in Siegburg und ist 2. Vorsitzender der „Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf e.V.“. Der Verein hat sich der wissenschaftlichen Untersuchung der Frage verschrieben, wie sich Fluglärm auf die Gesundheit auswirkt.

Dass sich die Ärzteinitiative gerade im Rhein-Sieg-Kreis gegründet hat, ist kein Zufall. Viele ärztliche Mitglieder arbeiten und wohnen in der Nähe des Köln-Bonner Airports Konrad Adenauer. „Wir sind teils selbst betroffen, und uns ist die Problematik aus den Praxen bekannt“, so Lange. Unter den derzeit 40 aktiven weit überwiegend ärztlichen Mitgliedern sind vor allem Internisten, Haus- und Kinderärzte sowie Psychiater vertreten.

Von der Initiative zum eingetragenen Verein

Vor vier Jahren hat sich die Ärzteinitiative zusammengefunden und hatte zeitweise hundert Mitglieder (siehe auch RhÄ 10/2001 S. 19, 8/2003 S. 22, im Internet unter KammerIntern/KammerArchiv). Seit März 2005 ist die Interessengemeinschaft ein eingetragener Verein mit Satzung und Vorstand. Die Vereinsgründung wurde unter anderem nötig, damit Spenden ordnungsgemäß entgegengenommen und im Sinne des Vereins verwendet werden könnten, erklärt Lange.

Denn das aktuelle Projekt ist eine epidemiologische Studie, die sich mit der Frage beschäftigt, ob eine Korrelation zwischen Gesundheitsstörungen und Fluglärm besteht. Professor Dr. Eberhard Greiser vom Zentrum für Public Health der Universität Bremen hat bereits ein Studienprofil erstellt, in dem es unter anderem heißt:

Gemeinden beteiligen sich

„Mit erster Priorität sollte dabei die Frage untersucht werden, ob sich unter der besonders durch Fluglärm belasteten Bevölkerung häufiger als in einer unbelasteten Bevölkerung Hinweise für diejenigen Gesundheitsstörungen und Erkrankungen finden, die dem Fluglärm zugeschrieben werden“. Dazu zählt beispielsweise Bluthochdruck.

Die Querschnittsstudie würde auf Daten der gesetzlichen Krankenversicherungen fußen und damit auf die Mitarbeit der Kassen angewiesen sein. Grundsätzlich hätten die angefragten Krankenkassen sich zur Zusammenarbeit bereit erklärt, so Lange. Auch der Flughafen Köln/Bonn werde unter Umständen Daten zum Beispiel von den insgesamt 16 rund um den Flughafen installierten Lärm-Messstellen für die Studie zur Verfügung stellen, sagt der Leiter der Fluglärmmessstelle, Martin Partsch.

Die Kosten der Studie belaufen sich auf über 120.000 Euro, sagt Lange. „Zwei Drittel der Finanzierung steht“, so der Arbeitsmediziner. Vor allem betroffene Gemeinden wie Siegburg, Lohmar und Neunkirchen-Seelscheid sowie der Rhein-Sieg-Kreis beteiligen sich an der Finanzierung, während der Kreistag Rhein-Berg eine finanzielle Beteiligung abgelehnt hat.

Die Restfinanzierung muss die Ärzteinitiative über Spenden aufbringen, um die Studie in Auftrag geben zu können. Sie werde, so hofft Lange, ein „starkes Indiz“ für den Zusammenhang zwischen nächtlichem Fluglärm und Krankheitsbildern liefern. Einen eindeutigen wissenschaftlichen Beweis für den vermuteten Zusammenhang kann nur eine Fallstudie liefern, erklärt Lange. Solch eine Forschungsarbeit ist sehr viel teurer und zeitaufwendiger als der Datenvergleich. Dafür finden sich wohl erst mit den Ergebnissen der epidemiologischen Studie in der Hand Geldgeber, so Langes Vermutung.

Flughafen investiert 60 Millionen in passiven Schallschutz

Ob sich an der Flugsituation in der Wahner Heide südlich von Köln auch mit neuen wissenschaftlichen Ergebnissen zum Fluglärm etwas ändern wird, bleibt abzuwarten. Derzeit erlebt der Airport Köln-Bonn einen regelrechten Höhenflug. Im ersten Halbjahr 2005 hat Köln/Bonn gemessen an Verkehrseinheiten Düsseldorf als größten Flughafen in NRW abgelöst. In den ersten sechs Monaten haben rund 7,4 Millionen Verkehrseinheiten den Flughafen passiert. Als Verkehrseinheit wird ein Fluggast oder 100 Kilogramm Facht gezählt.

Die Fluggastzahlen stiegen in dem Zeitraum um 18 Prozent, die Frachtzahlen um fünf Prozent, wobei nur drei Prozent mehr Maschinen gestartet oder gelandet sind. Das zeige, dass die Fluggesellschaften größere Flugzeuge einsetzen und diese besser auslasten, erklärten die Flughafenbetreiber in einer Pressemitteilung. Durchschnittlich landen in der Zeit zwischen 22 Uhr und 6 Uhr rund 50 Flugzeuge, werden entladen, neu beladen und starten wieder, was rund 100 Flugbewegungen pro Nacht bedeutet, sagt die Pressesprecherin des Flughafens, Astrid Endriß.

Dass der Flughafen Köln/Bonn vor allem die Lärmbelästigungen durch den Nachtflugverkehr nicht auf die leichte Schulter nimmt, zeigt unter anderem das seit 1991 laufende und 85 Millionen Euro schwere Förderprogramm zum passiven Schallschutz für Menschen, die in besonders betroffenen Gebieten rund um den Flughafen wohnen. Das Programm erfasst 18.000 Wohneinheiten. Schallschutzverglasung, Schalldämmung für Rollladenkästen sowie ein schallgedämmtes Belüftungsgerät in Schlafräumen finanziert der Flughafen zu 100 Prozent. Zwischen 11.000 und 12.000 Wohneinheiten sind bis jetzt mit dem Programm schallisoliert worden, sagt Martin Partsch, der Leiter der Fluglärmmessstelle. Rund 60 Millionen Euro habe der Flughafen im Rahmen des Schallschutz-Programms ausgegeben, so Partsch weiter.

Arbeitsmediziner Lange sieht bei dem eingebauten Schallschutz allerdings auch Probleme: Im Sommer träten in den Zimmern trotz Belüftungsanlage klimatische Probleme auf, so dass die Menschen doch bei geöffneten Fenstern schliefen. Daneben verursachten die Klimageräte auch Geräusche. „Wir haben keine hohe Meinung vom passiven Schallschutz“, so Lange.

Neben dem passiven Schallschutz gibt es eine Reihe weiterer Maßnahmen, die den Lärmpegel in der Nacht in Grenzen halten sollen. So erhalten beispielsweise nur noch als „lärmarm“ eingestufte Flugzeuge eine Start- oder Landeerlaubnis für die Nacht. Die Speditionen haben ihre Flotte modernisiert, sagt Endriß.

All die Regelungen reichten allerdings nicht aus, so der 2. Vorsitzende der Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf und fordert, dass der Flughafen so viele Flüge wie möglich in die Randzeiten der Nacht verlagert, etwa bis 23.00 Uhr und ab 5.00 Uhr morgens. Damit wäre eine Kernnachtruhe gewahrt.

Weitere Informationen im Internet unter: www.aefusch.de und www.koeln-bonn-airport.de.