aus dem Kölner-Stadt-Anzeiger vom 23.07.02

TAGESTHEMA
Der Flughafen Köln/Bonn plant neue Ausrichtung neben dem Frachtverkehr -
Drehkreuz für Billigflieger

Mit den Gesellschaften Eurowings und Virgin soll der Start in ein anderes Geschäftssegment beginnen.

VON JÜRGEN SUSSENBURGER

Köln - Neue Besen kehren gut. Die Volksweisheit passt gut auf Michael Garvens, den neuen kaufmännischen Geschäftsführer des Flughafens Köln/Bonn. Erst seit April im Amt, hat der 43-Jährige bereits eine Menge Staub aufgewirbelt. Da ist etwa die Kampfansage an den mächtigen Nachbar-Airport Düsseldorf, der sich "künftig warm anziehen" müsse. Denn Köln/Bonn, jahrzehntelang Mauerblümchen unter den deutschen Flughäfen, soll nach dem Willen Garvens groß in das expandierende Geschäft mit Billig-Flugreisen im Linienverkehr einsteigen und damit führend in NRW werden.

Aus dem Niedrigpreis-Segment starten und landen in Köln bisher erst die Germania und die Deutsche BA. Schon bald dürften Eurowings und Virgin hinzukommen, da ist sich der Flughafen-Chef sicher - obwohl diese Fluggesellschaften offiziell den Kölnern noch nicht den Zuschlag gegeben haben.

Hoffen auf "Aldi-Effekt"

"Das Low-Cost-Segment ist der einzige Bereich, der nachhaltig wächst", sagt Garvens. Experten meinen, dass der Marktanteil der Billigflieger in drei bis fünf Jahren auf 20 Prozent steigen könnte. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten gebe es den "Aldi-Effekt": Je schlechter die Lage, desto stärker griffen Reisende zu Billig-Flügen.

Und von diesem Kuchen will sich Köln/Bonn ein ordentliches Stück abschneiden. Für die Domstadt sprechen eine Reihe von Pluspunkten: Köln hat ein großes Einzugsgebiet, der Flughafen ist dank des Autobahnnetzes und demnächst auch auf der Schiene bestens angebunden, es gibt ausreichend Parkplätze und Nachtflugmöglichkeiten. Vor allem ist Köln/Bonn bei weitem nicht ausgelastet und bietet den Fluggesellschaften auch auf Jahre noch Entwicklungsmöglichkeiten. So könnte das Terminal II problemlos noch eine Verdoppelung der Passagierzahlen verkraften.

All diese schönen Vorteile, sind in der Gegenwart allerdings noch eine erhebliche Belastung, denn "bisher werden sie überhaupt nicht vernünftig genutzt", bedauert Garvens. Zahlreiche Fluglinien haben Köln den Rücken gekehrt, die Folgen des 11. September und der Wirtschaftsflaute haben im Flugverkehr deutliche Spuren hinterlassen. Köln/Bonn hat darunter besonders gelitten. In diesem Jahr werden wohl nur noch 5,2 Millionen Passagiere in Köln starten oder landen - vor zwei Jahren waren es knapp 6,4 Millionen.

Mit den Billigfliegern soll diese Lücke nach den hochfliegenden Vorstellungen von Garvens wieder gefüllt werden. Ein bis 1,5 Millionen zusätzliche Fluggäste sollen Eurowings und Virgin schon im kommenden Jahr bringen. Drei Millionen mehr sollen es 2004 sein. Vorbild ist der englische Flughafen Stansted bei London. Der habe geschafft, sich in kurzer Zeit von einer ähnlichen Größenordnung wie Köln hin zum Groß-Airport zu entwicklen und die Zahl der Passagiere mit 14 Millionen zu vervierfachen - dank der von dort operierenden Billigflieger Go, Buzz und Ryanair.

Zusätzliche Arbeitsplätze

Doch mit diesen Billigfliegern will Garvens nichts zu schaffen haben. Köln/Bonn soll kein Billig-Airport wie Hahn im Hunsrück werden, der Airlines wie Ryanair aus den Mitteln der Flughafengesellschaft subventioniert. Für ihn geht es um Anbieter, die Metropolen anfliegen und nicht Provinznester. Wie zu hören ist, will Virgin von Köln aus mehrmals täglich Rom, Madrid und Barcelona anfliegen. Diese Angebote würden sicher auch hier ansässige Großfirmen wie Ford und Bayer für Geschäftsreisen nutzen.

Mit den hehren Plänen, Köln zum Drehkreuz der Billigflieger machen zu können, verbindet sich die Hoffnung, auch dem Kölner Raum insgesamt etwas auf die Beine helfen zu können. Grob gerechnet bringen eine Million zusätzliche Passagiere etwa 1000 neue Arbeitsplätze. Garvens geht davon aus, dass 30 bis 40 Prozent der Billig-Fluggäste nicht aus der Region kommen und daher auch Hotels, Gastronomie und Einzelhandel Auftrieb geben. "Viele Menschen, die sonst eigentlich nicht fliegen würden, werden sich wegen der niedrigen Flugpreise sagen ´Gucken wir uns doch mal Köln an.´ "