aus dem Kölner-Stadt-Anzeiger (Rhein-Sieg)
vom 26.06.03

Geltende Lärmgrenzwerte "lebensfremd"

VON HALVARD LANGHOFF, 26.06.03, 07:04h, aktualisiert 12:11h

Die niedrigen Obergrenzen für Krankenhäuser sollen auch für Wohngebiete gelten, fordern Mediziner.

Rhein-Sieg-Kreis - Die Richtwerte, nach denen über Jahrzehnte die Auswirkungen von Lärm auf die Gesundheit der Menschen gemessen wurden, müssen neu festgesetzt werden. Dafür plädierte der Nestor der deutschen Lärmwirkungsforschung, Professor Gerd Jansen, bei einem medizinischen Symposium in Siegburg, zu dem die „Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf Rhein-Sieg“ zum ersten Mal Schlafmediziner und Lärmwirkungsforscher an einen Tisch gebracht hatte. Danach sind Lärmobergrenzen, wie sie bis heute in Gutachten auch bei gerichtlichen Auseinandersetzungen herangezogen werden, nicht mehr haltbar.

Bei der Diskussionsrunde, die ausschließlich vor Fachpublikum statt fand und an der auf dem Podium die Medizin-Professoren Helmut Frohnhofen (Recklinghausen), Thomas Penzel (Marburg) und Hartmut Schulz (Erfurt) teilnahmen, wurde sehr schnell deutlich, wie schwierig es ist, sowohl wissenschaftliche als auch medizinische Erkenntnisse unter einen Hut zu bringen. Während sich die Experten noch einig waren, dass bei einem Lärmpegel von 45 Dezibel tagsüber und 38 d(BA) nachts, wie er im Kurpark von Baden-Baden herrscht, der Mensch sich im Zustand vollkommenen Wohlseins befindet, kann eine nächtliche Ruhestörung von 60 d(BA) durch ein Flugzeug die unterschiedlichsten Reaktionen provozieren: Für einen Flughafen-Angestellten mag das Geräusch Musik in den Ohren sein, für einen Musiker dagegen ein Krach, auf den sein Körper mit der Ausschüttung krankmachender Stresshormone reagiert.

Jansen wandte sich gegen die Weiterverwendung des so genannten äquivalenten Dauerschallpegels als Maßeinheit, sondern plädierte für sehr viel detailliertere Messzonen, wobei speziell in der Nacht Maximalpegel unbedingt mit in die Beurteilung einfließen müssten. Kritische Bereiche beginnen nach Meinung der Mediziner schon bei einem Schwellenwert von 70 d(BA), gemessen außen am Haus. Bei einem präventiven Richtwert von 75 d(BA) kann es nach Expertenmeinung bei sensiblen Gruppen wie Alten, Kranken und Kindern bereits Handlungsbedarf geben. Nicht umsonst sind heute bei Krankenhäusern, Altenheimen und Kindergärten Grenzwerte innen von 51 d(BA) vorgeschrieben. Der von Jansen genannte kritische Toleranzwert - 80 Dezibel, außen gemessen - bedeute aus medizinischer Sicht nicht nur einen Handlungszwang, sondern müsse auch unterschritten werden. „Die besondere Berücksichtigung von Krankenhäusern, Kindergärten und Altenheimen markiert die richtige Richtung“, sagte Dr. Gerda Noppeney, Sprecherin der Ärzteinitiative, gegenüber dem „Rhein-Sieg-Anzeiger“. In der Praxis sei es aber so, dass diese Menschen nicht in Gettos lebten, sondern mitten unter der „normalen“ Bevölkerung. Deshalb müsse der präventive Richtwert auf alle im Flughafen-Umfeld lebenden Menschen angewendet werden. Noppeney: „Alles andere ist lebensfremd.“

Aus diesem Grund setzte sich das Siegburger Symposium auch erneut kritisch mit der derzeit laufenden Studie der DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln-Porz) auseinander, bei der unter Laborbedingungen und unter Ausschaltung aller Risikogruppen die Auswirkungen von künstlichen Fluglärmgeräuschen auf den Schlaf getestet wird. Gemeinsam mit Jansen kamen die Experten zu der Auffassung, dass allein epidemiologische Studien geeignet sind, Auskünfte über Langzeitwirkungen des Lärms im Sinne von Gesundheitsschäden zu geben. Noppeney: „So scheidet die DLR-Studie bisher als Beweis zum Ausschluss von Gesundheitsschäden durch Fluglärm aus.“ Für breit angelegte Forschung gibt es aber bisher keine Geldgeber. Die medizinische Schlafforschung müsse in die Umweltmedizin stärker integriert werden, forderte Gerd Jansen. Alles, was es bisher an Untersuchungen gebe, stehe auf tönernen Füßen. Neuer Maßstab für die Beurteilung von Lärm und den Schutz der Bevölkerung müsse der präventive Richtwert sein. Sicher scheint, das die Dezibel-Richtzahlen erheblich gesenkt werden müssen. Welche Maßnahmen letztendlich ergriffen werden, so Jansen mit leicht resignativem Anklang, sei eine politische Frage.