Artikel aus dem „SPIEGEL“ 33/2002, Seiten 138-139

 

 

LÄRM

 

Dröhnen über dem Kopf

Nächtlicher Lärm erhöht den Blutdruck und fördert Asthma, so das Ergebnis einer Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes.

Die Fluglobby hingegen leugnet gesundheitliche Folgen von Krach.

 

Wahrscheinlich wissen nur wenige Menschen so gut, was Lärm bedeutet, wie Helmut Breidenbach, 1986 hatte er ein Haus in Köln-Rath/Heumar, knapp zehn Kilometer vom Flughafen KölnlBonn entfernt, gekauft. Knapp drei Jahre lang war seine Welt dort in Ordnung

- dann ging der Krach los. „Natürlich wusste ich, dass da Flugzeuge fliegen“, sagt Breidenbach, der heute Vorsitzender der Lärmschutzgemeinschaft Flughafen Köln/Bonn e.V. ist, „aber auf einmal kamen die Maschinen nachts im Zwei-bis-drei-Minuten-Takt. Das war jedes Mal ein bedrohlich anschwellendes Dröh­nen von oben, wenn sie auf uns zu flogen.“ Schließlich erfuhr Breidenbach: Zwei Frachtunternehmen hatten Köln/Bonn zu ihrem nächtlichen Frachtdrehkreuz ge­macht.

An Schlaf war seither oft nicht mehr zu denken. „Tagsüber bin ich manchmal ausgerastet“, erinnert sich der Lärm-Geplag­te, „wenn jemand mit mir reden wollte, kam es mir vor, als wenn in meinem Kopf alles durcheinander flog.“

Bis heute gibt es für den Flughafen Köln/Bonn keinerlei nächtliche Einschränkungen. Breidenbach ist inzwischen weggezogen. Er ist sich sicher: Lärm ist nicht nur lästig, auf Dauer macht er auch krank.

Zwar wird genau das von Flughafenbe­treibern, von Frachtunternehmen und auch von Politikern immer wieder angezweifelt. Doch in den letzten Jahren hat die Lärmforschung erhebliche Fortschritte gemacht.

Epidemiologische Studien, aber auch Ex­perimente aus der Stress-, Hormon- und Immunforschung deuten immer klarer darauf hin, dass gefährlich lebt, wer laut wohnt.

Die Gesundheit jener 16 Prozent aller Deutschen, die nachts unter dem Röhren

von Motorrädern, dem Sirren einer nahen Autobahn, dem Vibrieren vorbeifahrender Lkw, dem Donnern von Güterzügen oder dem Dröhnen anfliegender Jets leiden, ist offenbar bedroht.

Seit ein paar Tagen liegt im Umwelt­bundesamt in Berlin eine noch unver­öffentlichte Studie vor, die diesen Verdacht erhärtet. Über 1700 Menschen, die seit 18 Jahren an einem Gesundheitsfor­schungsprojekt, dem „ Spandauer Gesund­heits-Survey“ teilnehmen, wurden dafür rückwirkend auf ihre Lärmbelastung hin untersucht. Das erschreckende Ergebnis:

Selbst wer sich gar nicht durch Lärm belästigt fühlt, kann Schaden nehmen. Besonders nachts reagiert der Organis­mus, und die Folgen betreffen nicht nur ein, sondern eine ganze Reihe von Organsystemen.

So haben Menschen, vor deren Fenstern nachts ein mittlerer Schallpegel von über 55 Dezibel herrscht (befahrene Straße), gegenüber Menschen, die bei unter 50 Dezibel (ruhige Straße, Innenhof) schlafen,

-  ein doppelt so hohes Risiko, wegen Bluthochdruck in ärztlicher Behandlung zu sein (greift man ausschließlich die Men­schen heraus, die bei offenem Fenster schlafen, ist das Risiko sogar sechsfach erhöht);

-  eine signifikant erhöhte Anfälligkeit für Asthma;

- in bestimmten Gebieten ein signifikant erhöhtes Risiko, an einer Schilddrüsen­erkrankung zu leiden;

-  eine merklich höhere Anfälligkeit für Migräne;

-  möglicherweise ein erhöhtes Risiko, er­höhte Blutfettwerte zu haben;

-  und sogar der Verdacht auf ein erhöhtes Krebsrisiko lässt sich nicht ausschließen. Bei all diesen Erkrankungen zeigte sich

bei der Berliner Untersuchung eine klare Dosis-Wirkung-Beziehung: je mehr Krach, desto häufiger die Krankheit.

Zwar warnt der Autor Christian Maschke, Privatdozent an der TU Berlin und in­zwischen als Schallexperte bei der Firma Müller-BBM in München tätig, diese Er­gebnisse stammten ausschließlich aus der Spandauer Untersuchung. Deshalb könn­ten sie nicht eins zu eins auf die Gesamt­bevölkerung übertragen werden. Noch sei nicht lückenlos nachgewiesen, dass Lärm tatsächlich krank macht. Doch ein ent­scheidendes Glied der Beweiskette sei nun erbracht. „Diese Daten“, sagt Maschke, „sind nicht mehr so leicht vom Tisch zu wischen.“

Vor allem stimmen sie erstaunlich ge­nau mit dem überein, was Stressforscher in den letzten Jahren an biochemischen Ver­änderungen bei lärmbelasteten Menschen beobachtet haben. „Im Schlaf“, erklärt Hartmut Ising, bis zu seiner Pensionierung Leiter der Arbeitsgruppe Lärmwirkungen beim Bundesumweltamt, „reagiert der Körper auf laute Geräusche, auch ohne dass wir davon aufwachen, mit einer extremen Stressreaktion.

Eigentlich ist dieses Reaktionsmuster im Laufe der Evolution als Schutzmechanismus vor Feinden oder wilden Tieren entstanden doch im Zeitalter von Autos und Flugzeugen kann es zum Verhängnis werden. Denn bei dieser Reaktion wird unter anderem in großen Mengen das Stresshormon Cortisol freigesetzt.

So konnte Ising in einer neuen Studie zeigen, dass der Botenstoff im Urin von Kindern, die neben einer lauten Straße schlafen, dramatisch erhöht ist und erhöhte Cortisol-Spiegel gelten nicht nur als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sie beeinflussen auch das Immunsystem.

Dieser Mechanismus könnte möglicherweise dafür verantwortlich sein, dass Lärm die Entstehung von Krankheiten wie Asthma oder Krebs begünstigt auch wenn Maschke besonders beim Thema Krebs zur Vorsicht mahnt: „Dazu muss unbedingt noch weiter geforscht werden.

Die Hautärzte Hans-Friedrich Döring und Hans-Werner Tüttenberg haben schon lange vermutet, dass Lärm das Immun-System verwirren könnte. Ihre Gemein­schaftspraxis liegt in Troisdorf bei Bonn, ein paar Kilometer südlich des Köln/Bon­ner Flughafens. „Uns ist irgendwann auf­gefallen, dass sich Allergien, insbesondere bei Kindern, in bestimmten Regionen häuf­ten“, berichtet Döring.

Deshalb führten die beiden Mediziner auf eigene Faust eine Patientenbefragung durch. „Das Ergebnis“, so Döring, „war für uns eindeutig. Wir sahen einen direk­ten Zusammenhang mit dem Nachtfluglärm.“ An einer zweiten Befragungsaktion beteiligten sich bereits 25 Arzte verschie­dener Fachrichtungen aus der Region mit ähnlichem Ergebnis.

Wie schädlich Lärm ist, bestimmt nicht nur der in Dezibel gemessene Schallpegel. „Leider haben wir zurzeit nichts Besseres“, sagt Maschke, „aber eigentlich ist der Schallpegel nur eine Hilfsgröße. Eine sehr wichtige Rolle spielt auch die Information, die ein Geräusch vermittelt.“

So kann schon das leise Wimmern eines Säuglings Eltern aus dem Schlaf hochschrecken lassen, Schnarchen des Partners, mitunter laut wie eine befahrene Straße,

dagegen beruhigend wirken. Gleichmäßig dahinfließenden Verkehr empfindet der Mensch in der Regel als weit weniger störend als anfahrende Lkw oder ein ag­gressiv beschleunigendes Motorrad.

Neuere Forschungen zeigen: Offenbar deutet das Gehirn einige Geräusche als Ge­fahr und reagiert auf diese dann besonders intensiv. Das könnte erklären, warum viele Menschen auf Fluglärm, der nur schwer lokalisierbar irgendwo über dem Kopf ent­steht und der oft auch noch mit Unglück und Katastrophen assoziiert wird, beson­ders empfindlich reagieren.

Inzwischen konn­ten die Forscher so­gar die Gehirnregion lokalisieren, in der die Geräusche bewer­tet werden: in den so genannten Mandelkernen, die beson­ders eng mit dem für Gefühle zuständigen Limbischen System und dem für die Cortisol-Ausschüttung verantwortlichen Hypothalamus verbun­den sind. Diese Gehirnstrukturen sind auch im Schlaf aktiv.

Bei extrem hohen Schallpegeln allerdings wird der Charakter des Geräuschs irgendwann unwichtig. „Dann ist die Laut­stärke die wichtigste Information“, so Maschke. So extrem wie der Krach ist dann die Reaktion des Körpers: Erwachsene Menschen, die einen herannahenden Tief­flieger hören, werfen sich abrupt zu Boden, Kinder halten sich beim Schaukeln plötz­lich die Ohren zu und fallen deshalb herunter.

In China bedienten sich früher sogar die Henker extremen Lärms: Sie schlugen so lange auf eine Glocke in unmittelbarer Nähe des Verurteilten ein, bis die ausge­schütteten Stresshormone Kreislauf und Stoffwechsel so durcheinander gebracht hatten, dass der Tod eintrat.

Gerade dass sich die Wirkung von Lärm nicht allein in Dezibel messen lässt, macht es den Forschern besonders schwer zu be­weisen, dass und in welchen Fällen Krach gesundheitsschädlich ist - entsprechend leicht fällt es den Gegnern solcher For­schungen, die Ergebnisse in Zweifel zu ziehen.

Und solche Gegner gibt es viele: Schon nach seiner ersten Patientenbefragung und einem darauf folgenden Interview in der Lokalzeitung wurde Hautarzt Döring per Brief zu einem Gespräch mit der Flug­hafengeschäftsführung zitiert. Eindringlich wurde ihm bedeutet, er habe „sehr weit­gehend“ ins „Geschäftsfeld“ des Flugha­fens eingegriffen. Nach der zweiten Befra­gung gab die Flughafenleitung sofort ein Gegengutachten beim Forsa-Institut in Auftrag, das der Befragung die gar nicht beanspruchte   Wissenschaftlichkeit ab­sprechen sollte.

„Die Sache ist so“, erklärt Unweltamts-­Veteran Ising, „wenn es wirklich zweifels­frei gelingen sollte, die Gesundheitsschäd­lichkeit von Lärm zu beweisen, hätte jeder Bürger nach dem Grundgesetz ein Anrecht darauf, dass diese gesundheitsschädigen­den Wirkungen eingestellt würden, Und das wäre sehr, sehr teuer.“

Vielleicht liegt es daran, dass weitere Forschung auf so viel Widerstand stößt. Jedenfalls wurde Isings Stelle beim Um­weltbundesamt nach seiner Pensionierung eingespart und die Arbeitsgruppe Lärmwirkungen weitgehend aufgelöst.

 

VERONIKA HACKENBROCH

 

 

Lärm ist nicht gleich Lärm

Lärm verursacht Stress. Doch nicht die Lautstärke allein wie heftig die Reaktion des Körpers ist. Entscheidend ist auch, wie das Gehirn ein Geräusch bewertet. Erst ab etwa 120 Dezibel wird jeder Krach als Bedrohung gedeutet.

 

 

Anmerkung:
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