aus der Kölnischen Rundschau vom 18.02.02

Patientenstudie: Nachtfluglärm macht krank
Kampf dem akustischen Abfall

Von Klaus Heuschötter

Siegburg. "Die EG-Gesundheitsminister: Wohnen im Umkreis des Flughafens Köln/Bonn gefährdet die Gesundheit" - nun, noch müssen die Ortsschilder nicht ähnlich der Warnung auf Zigarettenschachteln beschriftet werden.

Was beim medizinisch-wissenschaftlichen Symposium der "Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf" am Samstag im Siegburger Stadtmuseum vorgetragen wurde, legt jedoch den Schluss nahe, dass der nächtliche Fluglärm die Gesundheit - entgegen der Behauptung von NRW-Verkehrsminister Ernst Schwanhold - sehr wohl beeinträchtigt, Beschwerden verschlimmert oder gar verursacht.

"Der Nachtfluglärm ist in der Region für Tausende von Menschen eine krankmachende physikalische Schadensquelle", heißt es im Fazit einer Befragungsstudie.

Die Museumsaula fasste kaum die Besucher der Fachtagung mit hochkarätig besetztem Podium und dem Präsidenten der Bundesärztekammer, Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, als Schlussredner.

Dr. Frieder Döring, Facharzt für Dermatologie in Troisdorf, präsentierte die Ergebnisse der Befragung, an der 25 Ärzte beteiligt waren, die 16 Praxen im Rhein-Sieg-Kreis und Köln-Porz betreiben.

Von Anfang Juni bis Ende Dezember vergangenen Jahres haben 1121 ihrer überwiegend älteren Patienten anonym einen Fragebogen ausgefüllt. 986 (88 Prozent) fühlen sich vom nächtlichen Krach am Himmel beeinträchtigt, 908 (81 Prozent) sehen einen Zusammenhang zwischen ihren Beschwerden und dem Fluglärm.

Ermittelt wurde auch, wie häufig sich der Patient gestört fühlt und welcher Art seine Schlafstörungen sind, wobei 251 Mal "Verzögertes Einschlafen", 526 Mal "Häufiges Erwachen" (besonders zwischen 3 und 6 Uhr) und 676 Mal "Unausgeschlafenheit" angekreuzt wurde.

273 Patienten beantworteten die Frage, ob sie Fluglärmbeeinträchtigungen bei Kindern beobachtet haben, indem sie zumeist Lernstörungen, Nervosität, Konzentrationsschwäche, Angst und Allergien angaben.

Die Forderung nach einer nächtlichen Kernruhezeit am Airport wird von 80,5 Prozent der Befragten grundsätzlich und von 8,8 Prozent bedingt unterstützt.

Bei den Beschwerden steht mit 475 Nennungen an erster Stelle Konzentrationsschwäche als Folge von Schlafstörungen, die 421 Patienten in Zusammenhang mit dem Nachtfluglärm bringen.

Es folgen Herz-Kreislauf-Probleme/Bluthochdruck (408/311), Nervosität/Depression (361/317), Asthma/ Atemwegserkrankungen/ Allergien (158/106), Kopfschmerz/Migräne (138/95), Tinnitus/Migräne (73/52), Magen-Darm-Krankheiten (50/10), Arthritis/Arthrose/ Rückenschmerz (27/11) und Hautkrankheiten/Ekzeme (27/14).

Mit der Selbstauskunft der Patienten wolle man Größenordnung und Schwerpunkte der Betroffenheit aufzeigen, damit Fachleute mit präziseren medizinisch-wissenschaftlichen Mitteln und Methoden gezielt weitere Untersuchungen anstellen könnten, erklärte Döring.

Im Blick haben die Ärzte außer den neurologisch-psychiatrischen Krankheiten und eventuell auch den Innenohrbeschwerden ganz besonders die Schlafstörungen und die Herz-Kreislauf-Leiden.

Bei Letzteren sehen die Mediziner die subjektive Vermutung, dass sich der Nachtfluglärm verschlechternd auswirkt, bereits durch objektive Befunde untermauert.

So hat eine Ärztin 50 Fragebögen von Herz-Kreislauf-Patienten deren Langzeit-EKG zugeordnet und festgestellt, dass die deutliche Mehrheit (32) während der Nacht (2 bis 7 Uhr) auffällige Unregelmäßigkeiten im Herzrhythmus aufweist.

Dass chronisch gestörter Schlaf ernsthafte Folgen haben kann, bestätigte der renommierte Schlafforscher Dr. Jürgen Zulley (Regensburg).

Beim Symposium referierte er darüber, wie sich schlafstörender Lärm, selbst wenn er nicht aufweckt, negativ auf die Leistungsfähigkeit auswirkt und mithin das Unfallrisiko am Tag erhöht.

Die lärmbedingte Schwächung des Immunsystems, die nicht nur vielen Krankheiten Vorschub leiste, sondern auch den Alterungsprozess beschleunige, war das Thema von Dr. Gerd Uhlenbruck (Köln). Zur Vorbeugung empfahl er Sport, "doch kann man nicht allen Leuten sagen, sie sollen eine Stunde joggen, bevor sie zu Bett gehen".

Der Lärmexperte Dr. Christian Maschke (Berlin) widmete sich der Beeinflussung biochemischer Reaktionen durch den Fluglärm, speziell der Ausschüttung von Stresshormonen.

Für ein Mindestmaß an Ruhe, das jedem Menschen zustehe und das deshalb als schützenswertes Gut im Umweltrecht verankert werden müsse, plädierte der Hörforscher Dr. Gerald Fleischer (Gießen). Seine Definition der ersehnten Ruhe: "Zeiten und Räume ohne akustischen Abfall."