aus dem Kölner-Stadt-Anzeiger vom 18.02.02

Die Folgen einer unruhigen Nacht

VON KLAUS SCHMITZ, 17.02.02, 20:06h, aktualisiert 22:15h

Vor Gesundheitsgefahren durch Fluglärm warnt die "Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf". Sie hat mehr als 1100 Patienten im Umfeld des Köln-Bonner-Flughafens befragt.

Siegburg - Nachtruhe sollte als "schützenswertes Rechtsgut" im Umweltrecht festgeschrieben werden. Das fordert Gerald Fleischer, Leiter der Arbeitsgruppe Hörforschung am Klinikum der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er war Teilnehmer eines Forums, das auf Einladung der Ärzteinitiative in Siegburg zusammengekommen war, um über Auswirkungen von nächtlichem Fluglärm auf die Gesundheit zu diskutieren. Mit deutlichen Worten monierten Wissenschaftler, dass es die viel beschworene Ruhe - Fleischer: "Ruhe ist die Abwesenheit von akustischem Abfall" - bisher "nur in Sonntagsreden der Politiker" gebe.

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit und doch wieder nicht. Schlaf sei die Grundvoraussetzung für Gesundheit und Wohlbefinden und somit für Leistung, formulierte Jürgen Zulley, Professor für Biologische Psychologie an der Universität Regensburg. Jedweder Lärm störe, wenngleich er nicht unbedingt zum Erwachen, durch die Beeinflussung des Unterbewusstseins aber zur Übermüdung am nächsten Tag führen könne. Chronisch gestörter Schlaf könne ernsthafte und lebensbedrohende Folgen wie Bluthochdruck und Schlaganfall nach sich ziehen, mahnte Zulley. Bei Autounfällen berge der Faktor Übermüdung ein höheres Risiko als Alkohol.

Dass Lärm als Ursache vieler Erkrankungen anzusehen sei, unterstrich Christian Maschke, Wissenschaftler am Robert-Koch-Institut und an der Technischen Universität in Berlin. Unter anderem könne Lärm die Produktion von Stresshormonen fördern, das Herz-Kreislauf-System schädigen und das Immunsystem angreifen. Eine Erkenntnis, die von Gerd Uhlenbruck, Immunbiologe in Köln, nachdrücklich bestätigt wurde: Geschwächte Immunsysteme leisten vielen Erkrankungen Vorschub. Neueste Erkenntnisse hätten in diesem Zusammenhang ergeben, dass Schlafstörungen den Al¦terungsprozess des Menschen beschleunigen würden.

Viele Patienten, sagt Hans-Friedrich Döring, Dermatologe aus Troisdorf und Mitgründer der Arztinitiative, in der mittlerweile rund 60 Mediziner mitarbeiten, hätten nächtlichen Fluglärm als Ursache ihrer Leiden angegeben. Dies sei auch das Ergebnis einer Befragung von 1100 Patienten aus dem Umfeld des Flughafens in Köln-Wahn. Als erstes Fazit bilanzierte Döring, dass Nachtfluglärm eine krankmachende physikalische Schadensquelle sei - Ärzte fordern deshalb ein Nachtflugverbot.

Unterschiedliche Auffassungen über die Seriosität von Untersuchungen, die über die Zusammenhänge von Nachtfluglärm und Gesundheitsschäden laufen, traten bei dem Symposium deutlich zu Tage. Während der Aufsichtsratsvorsitzende des Köln-Bonner Flughafens, Norbert Rüther, in einem Schreiben an die Bundesärztekammer die Patientenbefragung der Ärzteinitiative als "suggestiv-manipulativ" bezeichnete, musste der Leiter des Kölner DLR-Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin, Alexander Samel, zugestehen, dass auch seine Laborforschung - das Ergebnis soll in etwa anderthalb Jahren vorliegen - keinen repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt erfasst: Seine Untersuchungen konzentrieren sich auf gesunde Menschen zwischen 18 und 65 Jahren.