aus dem Kölner-Stadt-Anzeiger vom 23.02.02

Regierungschef Clement lauschte dem Lärm

VON BEATRIX LAMPE, 22.02.02, 20:06h, aktualisiert 21:20h

Zukunftsweisende Forschungsergebnisse und Projekte aus den Bereichen Luft- und Raumfahrt, die neben wissenschaftlichem Fortschritt auch wirtschaftliche Erfolge versprechen, sah Ministerpräsident Wolfgang Clement bei einem Besuch im DLR.

Porz - Unbewältigte Fluglärmprobleme haben nach Einschätzung von Ministerpräsident Wolfgang Clement dazu beigetragen, dass fast alle SPD-Landtagskandidaten rund um Köln bei den vergangenen Wahlen kein Mandat erreicht haben. Das soll nicht noch einmal passieren. Deshalb lauschte Clement mit konzentriertem Interesse den Forschern beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), die sich mit Lärmbekämpfung und mit Schlafstörungen durch Fluglärm befassen.

Der Landesregierung liegen nach seinen Worten Untersuchungsergebnisse vor, nach denen 20 Prozent der von nächtlichem Lärm betroffenen Menschen tatsächlich krank werden. „Wie existenziell wichtig die Lärmbekämpfung ist, erkennt man, wenn man die Briefe von Anwohnern liest“, sagte Clement sorgenvoll. Wenn sich Nordrhein-Westfalen nicht jetzt um Probleme auf Straßen, Schiene und in der Luft kümmere, sei die Mobilität für die Zukunft nicht gesichert. Daher seien sachliche Auseinandersetzungen auf dem Fundament solider Forschung unverzichtbar.

Das DLR präsentierte dem Gast aus Düsseldorf erste Ergebnisse der weltweit größten Schlafstudie zu Auswirkungen des Fluglärms auf den Menschen. In klinischen Tests, zunehmend aber auch bei gesunden Menschen in ihren eigenen Schlafzimmern, werden die Lärmauswirkungen untersucht. Die bisherigen Auswertungen ergaben kaum Veränderungen der Stresshormon-Ausschüttung und der Schlafdauer, wohl aber Aufwach-Reaktionen und eine Verminderung des Tiefschlafs. Wie Probanden im Test „verkabelt“ zu Bett geschickt werden, demonstrierte Schlafforscherin Julia Quehl beim Ministerbesuch am eigenen Leib. Mit Kindern, Senioren und Patienten sollen die Versuche noch ausgeweitet werden.

Großes Interesse zeigte Clement auch bei den Forschungen zur Reduzierung von Fluglärm direkt an den Triebwerken der Jets. Hier arbeitet das DLR an einer Technik, mit der die Schallwellen des Triebwerkes über Mikrofone phasenversetzt mit ihrem eigenen Lärm überlagert und so reduziert werden (siehe: der Fluglärm soll sich selbst dämpfen“).

Professor Rupert Gerzer vom Nutzerunterstützungszentrum für Luft- und Raumfahrtmedizin gab zudem Einblicke in die Telemedizin. Auf lange Sicht soll die Erstellung elektronischer Patientenkarteien und bessere Zusammenarbeit von Ärzten und Krankenhäusern den Kranken dienen und beträchtliche Gesundheitskosten sparen.

Der stellvertretende DLR-Vorstandsvorsitzende Professor Bernd J. Höfer und Forschungskollegen präsentierten zudem Ausgründungen und Firmenansiedlungen als Folge gelungener Übermittlung von Forschungsergebnissen in die industrielle Praxis. Den erklärten Willen des Landes, mehr für die Schüler-Bildung zu tun, belegte Clements Unterschrift unter ein Memorandum zur Einrichtung eines Schul-Laboratoriums des DLR. Anspruchsvolle Experimente sollen Schülerinnen und Schülern in der Versuchsanstalt Anreize zu naturwissenschaftlich-technischen Berufswegen geben.

Landung auf Kometen

Mit besonderer Spannung verfolgte Clement die Präsentation der Forschungsmission Rosetta. Weltraumerkundungen wie die jetzt geplante Mission zum Kometen Wirtanen beflügelten seine Phantasie, gestand der Ministerpräsident. 2003 ins All geschickt, soll das Miniatur-Laboratorium erst 2012 auf dem Kometen landen und Bodenproben entnehmen, die Aufschlüsse über die Erdentstehung geben könnten.

Das Ministerinteresse erhofft sich das DLR auch für weitere Luft- und Raumfahrt-Projekte. So geht es unter anderem um Geld für den Ausbau des Astronauten-Trainingszentrums. Bei einer Betriebsversammlung drängte der Betriebsrat auf stärkere politische Beachtung der Forschungsaktivitäten in NRW - es drohe die Abwanderung hoch qualifizierter Arbeitsplätze in südliche Bundesländer mit besseren Förderungsmöglichkeiten. Beim harten Verdrängungswettbewerb auf zukunftsträchtigen Märkten sei Höchstleistungstechnologie oft das Zünglein an der Waage. Im Interesse gelingenden Strukturwandels in NRW, der auch der Lebensqualität der Bürger diene, verdiene die Leistungsbereitschaft des DLR mehr Beachtung.