Mit dem Fluglärm steigt der Tablettenkonsum

Studie belegt Zusammenhang zwischen Krach und Einnahme von Medikamenten bei Anwohnern von Flughäfen

VON ECKART K. ROLOFF (FRANKFURT)
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Je stärker die Anwohner eines Flughafens durch nächtlichen Lärm belästigt werden, umso größer ist ihr Konsum an Schlaf-, Beruhigungs- und Herztabletten. Diesen Zusammenhang belegt die bisher größte Studie zu gesundheitlichen Folgen des Fluglärms für den Flughafen Köln/Bonn. Es gibt keinen Grund, dieses Ergebnis nicht auch auf das Rhein-Main-Gebiet zu übertragen.

Wie viele Schlafmittel nehmen die Menschen in Raunheim, Eddersheim und Walldorf als riskantes Standardrezept gegen die ständig fliegenden Maschinen? Wie oft greifen sie zu Blutdrucksenkern? Das lässt sich bisher nur in Einzelfällen sagen - wenn für Patient A und Patientin B sicher ist, dass der Bedarf an diesen Arzneien nur mit nächtlichem Krach zu erklären ist. Hessens Landesregierung und Flughafenbetreiber würden das aber höchstens dann Ernst nehmen, wenn es solche Befunde für Tausende Betroffener gäbe. Für 810 000 Anwohner des Airports Köln/Bonn liegt dieser Beleg jetzt vor. In der Studie zum Nachtfluglärm ist dem Bremer Epidemiologen Eberhard Greiser der Nachweis gelungen, dass je nach Lärmlast bestimmte Arzneien deutlich öfter nötig werden.

Vorbild für Rhein-Main-Region?

Darüber berichtete er kürzlich in Siegburg beim Symposium der "Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf", bei dem auch der Frankfurter Kardiologe Martin Kaltenbach mitwirkte. Diese Ärzteinitiative kam neben dem Umweltbundesamt und betroffenen Kommunen für die Kosten der Studie auf - ein Vorbild für die Rhein-Main-Region? Um repräsentative Auskunft zum Tablettenkonsum möglichst vieler Personen zu erhalten, bekam Greiser die einschlägigen (und anonymisierten) Daten der dortigen Krankenversicherten von deren Kassen. Diese sind selbst interessiert, die Ursachen für viele Rezepte und deren Kosten aufzuspüren.

Die ungewöhnliche Studie gewinnt weiter dadurch, dass der Flughafen Köln/Bonn die Daten über jede Flugbewegung eines Jahres herausgab. Das führte zu präzisen Karten mit den unterschiedlichen Lärmbereichen nach Dezibel. Damit nicht genug: Um die Abhängigkeiten zwischen Lärm, individueller Betroffenheit und Zeitintervallen genau zu ermitteln, wurden die Adressen aller Versicherten, die Lärmpegeln über 39 Dezibel ausgesetzt sind, zugrunde gelegt. Dazu kamen Alter, Geschlecht und soziale Struktur der Wohngebiete. Viertel mit vielen Sozialhilfeempfängern und Heimbewohnern wertete Greiser besonders aus, ebenso die adressgenaue Belastung durch Straßen- und Schienenverkehr.

Eine Rolle spielte ferner, wieweit die Versicherten das gemacht hatten, was auch rund um den Frankfurter Flughafen möglich ist: Lärmschutzmaßnahmen zu beantragen. Laut Studie galt das für rund 39 000 Personen. Doch rund 11 800 Versicherte, die der Nachtlärm ebenfalls stark stört, leben in Gegenden, für die es darauf keinen Anspruch gibt.

Die Ergebnisse der Studie zeigen: Nächtlicher Fluglärm, vor allem der zwischen drei und fünf Uhr, führt zu mehr Arzneiverordnungen; je älter die Betroffenen sind, umso deutlicher. Greiser erfasste dabei eine Fülle von Präparaten, nämlich solche gegen erhöhten Blutdruck, für Herz-, Kreislauf- und Verdauungsstörungen, dazu Antidepressiva sowie Schlaf- und Beruhigungsmittel.

"Blutdrucksenker wurden für Männer mit stärkerer Lärmbelastung um 24 Prozent häufiger als in ruhigeren Regionen verordnet", so Greiser, "bei Frauen waren es sogar 66 Prozent mehr." Bei Herz- und Kreislaufmitteln zeigte sich unter Frauen in sehr lauten Zonen ein Plus von 116 Prozent - und um 184 Prozent mehr Verordnungen als in ruhigeren Zonen gab es bei schwer kranken Patientinnen, die mehrere solcher Arzneien benötigten.

Dagegen ist die Verordnung nur von Schlaf- und Beruhigungsmitteln bei Männern gar nicht und bei Frauen kaum erhöht: "Um 29 Prozent bei geringem und um 35 Prozent bei stärkerem nächtlichem Lärm", wie Greiser ausführte. Der Epidemiologe fand auch heraus, dass dort, wo die Flughafenbetreiber Schallschutzmaßnahmen installieren ließen, weniger Schlafmittel verordnet werden mussten.

Blutdruck steigt

Das Siegburger Publikum, darunter Ärzte, Politiker und viele betroffene Anwohner, hörte sehr aufmerksam auch einem Referat des Frankfurter Herzspezialisten Martin Kaltenbach zu. Es galt der von ihm betreuten Doktorarbeit, für die 53 Personen in Neu-Isenburg-Gravenbruch und Eddersheim drei Monate auf Lärmempfinden, Herzfrequenz und Blutdruck unter Beachtung der stark abweichenden Windverhältnisse untersucht wurden. Kaltenbach zur FR: "Es zeigte sich in beiden Bezirken ein signifikanter Anstieg des Blutdrucks je nach Lärmpegel - und längst ist klar, dass dies das Herz-Kreislauf-System schädigt."


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Dokument erstellt am 12.01.2007 um 00:04:06 Uhr
Letzte Änderung am 12.01.2007 um 07:44:42 Uhr
Erscheinungsdatum 12.01.2007 | Ausgabe: S | Seite: 34