NÄCHTLICHER FLUGLÄRM

Massenrezepte gegen Dauerattacken
Die weltweit größte Studie zeigt klar: Mit der Belästigung steigt der Tablettenkonsum.

Rheinischer Merkur Nr. 49, 07.12.2006
von
ECKART KLAUS ROLOFF


Wer an Bahnstrecken und Straßen mit viel Verkehr lebt, hat Probleme mit dem Lärm. Vor allem nachts, wenn er am nächsten Tag wieder fit sein soll. Wer in der Nähe von Flughäfen wohnt, leidet besonders darunter.

Das wird niemand bestreiten.I Im Detail aber wird darüber seit Jahrzehnten gestritten:Wie häufig sind Störungen bei welchem Pegel? Welche Folgen hat das auf Dauer? Über 500 Studien gibt es weltweit zum Verkehrslärm, rund 200 allein zum Fluglärm, doch nach Anlage und Aussagekraft weichen sie so ab, dass Einwände stets möglich sind: Man habe die Lärmquellen nicht genau getrennt, Studien nur unter Gesunden im Schlaflabor seien reine Theorie, die untersuchten Gruppen viel zu klein.

Jetzt liegt eine Studie ohne diese Schwächen vor. Sie löst diese Frage: Wieviele Arzneien, die bei Lärmbelastungen und Schlafstörungen helfen sollen, bekamen Personen verschrieben, die in unterschiedlich lauten Zonen am Flughafen Köln/Bonn wohnen?Dazu überprüfte der Epidemiologe Professor Eberhard Greiser die Verordnungen für nicht weniger als 810000 Menschen aller Altersstufen. Das sind 42,3 Prozent der dort lebenden Bevölkerung.

Sieben gesetzliche Kassen, darunter AOK, TK und DAK,überließen haben Greiser Massen an anonymisierten Angaben; die Zahlen zu allen Flugbewegungen lieferte der Flughafen. Gegliedert wurde adressengenau nach Gebieten mit unter 40 dB(A), mit 40 bis 45, 46 bis 50, 51 bis 55 und darüber. Die Phasen von 23 bis 1 Uhr, 1 bis 3 Uhr und 3 bis 5 Uhr kamen separat unter die Lupe. Prinzipiell muss man dazu wissen, dass schon sechs dB (A) eine Verdoppelung des Schalldrucks bedeuten.

Die Kosten der Studie teilen sich das Umweltbundesamt, der Rhein-Sieg-Kreis, betroffene Kommunen und die regionale „Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf e. V.“ – ein ungewöhnlicher Verband, der, von der Internistin Gerda Noppeney und dem Umweltmediziner Arno Lange geleitet, gegen Dauerattacken aus der Luft kämpft.

Der Ergebnisse des Projekts, jetzt bei einem Symposium in Siegburg vorgestellt, sind zwingend: Nächtlicher Fluglärm, vor allem der von 3 bis 5 Uhr, führt zu mehr Rezepten; je älter die Betroffenen sind, umso deutlicher ist das. Greiser erfasste dabei alle Präparate, die bei erhöhtem Blutdruck, Herz-, Kreislauf- und Verdauungsstörungen verschrieben werden, dazu Tranquilizer, Antidepressiva, Schlaf- und Beruhigungsmittel.



„Blutdrucksenker insgesamt wurden für Männer mit stärkerer Lärmbelastung um 24 Prozent häufiger als in ruhigeren Regionen verordnet“, so Greiser, „unter den Frauen waren es sogar 66 Prozent mehr“ - mit Differenzen je nach Alter (siehe Grafik).

Bei Herz- und Kreislaufmitteln zeigte sich für Frauen in sehr lauten Zonen ein Plus von 116 Prozent. Um 184 Prozent mehr Verordnungen als in ruhigen Gegenden gab es bei schwer kranken Patientinnen, die viele solcher Arzneien benötigten.

Dagegen ist die Verordnung nur von Schlaf- und Beruhigungsmitteln bei Männern nicht und bei Frauen weniger erhöht: „Um 29 Prozent bei geringem und um 35 Prozent bei stärkerem Nachtlärm“, so Greiser vor dem gespannt zuhörenden Publikum aus Ärzten, Politikern und Anwohnern.

Der anerkannte Bremer Mediziner fand auch heraus, dass dort, wo die Flughafenbetreiber Schallschutzmaßnahmen installieren ließen, weniger Schlafmittel nötig waren – gut für die vermiedenen Nebenwirkungen langen Tablettenkonsums. Das betraf aber nur 39000 Personen. 118000 gesetzlich Versicherte, die der Nachtlärm ebenfalls stark stört, leben dort, wo es darauf keinen Anspruch gibt.

Was aus all diesen Daten folgt, lässt sich noch nicht sagen. Sicher ist nur, dass sie eine Studie wertlos machen, die das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (Köln-Porz) im Frühjahr 2004 vorgestellt hatte. Dafür waren 128 Erwachsene in einem Schlaflabor teils ganz ohne Lärm, teils mit simuliertem Fluglärm zwar nicht auf Tablettenkonsum, aber auf Gehirnströme, auf Hormonspiegel und Augenreflexe untersucht worden. Alle Probanden waren anders als in der Realität schlafgesund, normal hörend und jünger als 65 Jahre.

Das Resultat: Bei Lärm war die Schlafzeit nur um zwei Minuten kürzer. Sagten damals diese Experten.

Externer Link: www.aefusch.de

© Rheinischer Merkur Nr. 49, 07.12.2006